Ganz von dieser Welt

München - Eine legendäre Femme fatale, ein Gesicht der Filmgeschichte: Die große französische Schauspielerin Jeanne Moreau wird heute 80 Jahre alt.

"Indem man ein gutes Leben führt, bereitet man seinen Tod vor." Ein gutes Leben, das führt Jeanne Moreau noch immer, und sie macht kein bisschen den Eindruck, als wolle sie kürzer treten. Warum sollte sie auch? "Ich habe noch so viel zu lernen", erzählte die seinerzeit 78-Jährige vor eineinhalb Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung. Und sie nutzt ihre Tage, fährt auf Filmfestivals, arbeitet dort als Jurypräsidentin und genießt die Aufmerksamkeit, die ihr immer zuteil wird, genießt weiterhin ihr Leben, so wie sie es immer getan hat seit ihrer Jugend. 1928 in Paris geboren und im Zentralmassiv aufgewachsen, erlebte sie eine unbeschwerte, von zuviel Erziehungsversuchen unbehelligte Kindheit. Ende des Krieges begann die Moreau in Paris als Schauspielerin, wurde schnell entdeckt, zuerst von Cocteau, dann von Louis Malles, und wurde zur Ikone des Autorenfilms, zur legendären Femme fatale.

Mit den Gefühlen immer in Bewegung

Sie kam zum Film, weil die Regisseure Malle und Antonioni so in ihren Gang vernarrt waren. Aber es sind ihre Stimme und ihr Lächeln, die sich am stärksten ins Gedächtnis einbrennen. Sie lächelt spöttisch, dabei hat der scheinbar etwas abfällig nach unten gezogene Mund doch immer auch einen liebevollen, zärtlichen Zug. Wer das Glück hatte, sie einmal persönlich zu treffen, der dürfte sich auch an ihre Stimme erinnern, dieses raue, dabei charmante Reibeisen-Organ, das ihre Königinnen-Erscheinung vollendet.

Jeanne Moreau ist keine Frau, zu der man nein sagt, und das Schöne daran ist, dass sie sich auch umgekehrt nicht verweigert - sie nimmt, aber sie gibt auch. Das gilt genauso für ihr Verhältnis zu ihren Regisseuren: Ob Louis Malle, Luis Buñuel, François Truffaut, Roger Vadim, Joseph Losey, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Michelangelo Antonioni, Peter Brook, Orson Welles - sie hat mit den meisten Großen ihrer Zeit gearbeitet und ist doch ganz sie selbst geblieben. Souverän.

Die Einsicht in das Wechselverhältnis aus Geben und Nehmen kann man auch an ihren Rollen ablesen. Es sind fast immer dynamische Figuren, Frauen in Bewegung, die im Film eine Reise vollziehen, die nicht dort bleiben, wo sie gerade sind, die loslassen können, an nichts lange festhalten wollen. Das kann auch eine Liebe sein, wie in "Die Liebenden" und "Fahrstuhl zum Schaffott" von Malle oder in den Truffaut-Filmen "Jules und Jim" und "Die Braut trug schwarz". Es war bei der Moreau immer, ob im Film oder im Leben - und für wahre Künstler fällt beides sowieso zusammen -, nie von "der" Liebe die Rede, sondern immer von "einer" Liebe. Und nach der einen kommt eine andere. So sei das mit den Gefühlen, immer in Bewegung.

Eine wohltuende, pragmatische Diesseitigkeit macht die Aura der Moreau aus und wohl auch einfach eine Intelligenz, die an Götter, Mythen und andere Lebenslügen nicht glauben lässt. "Ich bin nicht religiös", hat sie im Gespräch ungefragt betont. Und das ist der stärkste Eindruck, der einem von ihr bleibt: Sie ist ganz von dieser Welt.

Im Film wirkt die Moreau, gerade die junge, abweisender, kühler und manchmal auch strenger als in Wirklichkeit. Viele ihrer Regisseure haben daraus eine Tugend gemacht, die besten allerdings legten hinter der festen Schale auch Verletzlichkeit frei. Antonioni gelang das in "La Notte" vielleicht am stärksten. Zuletzt sah man ihre Kunst im Sommer 2007 in Venedig - auf der Biennale in einem Filmkunstwerk im französischen Pavillon von Sophie Calle.

Es gab diesen einen Tag in ihrem Leben, an dem sich das alles entschied: Auf der Flucht vor den Deutschen marschierte sie 1940 mit ihrer Mutter gen Süden. Da griffen Tiefflieger die Flüchtlingskolonne an, alle sprangen in den Graben. "Ein Mann lag über mir, als das Maschinengewehrfeuer losratterte. Tacktacktacktack. Ich wurde plötzlich nass und dachte, jemand habe auf mich gepinkelt. Es war aber Blut. Der Mann, der auf mir lag, war tot. Er hat mein Leben gerettet." Der Gedanke, welche Filmgeschichte wir (nicht) im Kopf hätten, wenn sie an diesem Tag getötet worden wäre, macht uns klar, welchen Rang sie in der Geschichte des Kinos hat.

Heute wird Jeanne Moreau, diese wunderbar lebendige Darstellerin, der Fetisch der Nouvelle Vague, 80 Jahre alt. Wir gratulieren. Möge sie noch lange leben!

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