Der ganz eigene Ton

- Es war der Geniestreich eines Dreiundzwanzigjährigen. Erich Wolfgang Korngold landete mit seiner Oper "Die tote Stadt" einen Welterfolg. Uraufgeführt 1920 gleichzeitig von Otto Klemperer in Köln und Egon Pollack in Hamburg, erlebte das Werk im In- und Ausland eine rasche Verbreitung. Die zwischen Traum und Realität changierende Oper traf offenbar genau den Nerv der Zeit.

<P>Wenn man dem heute vielerorts vergessenen Werk nun an der Deutschen Oper Berlin wiederbegegnet, wo es der mit einem Faible für spätromantische Schwermut gesegnete Generalmusikdirektor Christian Thielemann auf den Spielplan setzte, fasziniert vor allem der spektakulär farbenreich blühende Orchestersatz. </P><P>Und auf Schritt und Tritt begegnet man alten Bekannten: Wagners Feuerzauber rauscht vorbei, das Rheingoldmotiv schimmert hervor, von Richard Strauss vernimmt man Heroinen-Tragik und Zerbinetta-Koketterie. Doch Korngold bietet auch eigene Qualitäten auf, findet für das Schweben zwischen Realität und Traum eine mal gespenstisch verdüsterte, dann wieder grell aufgeblendete Sprache.<BR><BR>Die außerordentlich komplexe Partitur ist bei Christian Thielemann, Münchens zukünftigem Philharmoniker-GMD, in besten Händen. In nahezu jedem Takt spürt man die starke Affinität zur Spätromantik, zur großen symphonischen Geste. Er hält den Klang bei aller Opulenz schlank und dynamisch und weist dem gut vorbereiteten Orchester der Deutschen Oper einen Weg durch den Dschungel der Zitate. </P><P>Nie klingen Korngolds Fortissimo-Attacken pauschal (was leicht passieren könnte), und viele Nuancen werden lustvoll ausgespielt. Wie immer bei Thielemann, ob bei Wagner in Bayreuth, im Konzert in München oder eben am Pult der Deutschen Oper in Berlin, scheint sich ein ganz eigener Ton zu entwickeln, der sich noch stärker als bislang zum Markenzeichen des Dirigenten entwickeln könnte. Jedenfalls war dieses flammende Plädoyer für Korngold ganz Thielemanns Sache.<BR><BR>Ein Regisseur sollte da möglichst wenig stören. Philippe Arlaud, der Thielemann schon bei "Frau ohne Schatten" in Berlin und "Tannhäuser" in Bayreuth sekundiert hatte, begnügte sich denn auch mit einem bloßen szenischen Arrangement. In den steil ansteigenden, zumeist blau ausgeleuchteten Bühnenboden hat er einen Raum eingelassen, der mit großen Spiegeln an der Seite und in der Höhe umgrenzt ist und einen Welt-Kosmos assoziieren lässt. </P><P>Hier befindet sich Pauls "Tempel der Erinnerungen". Von der gespenstischen Aura der Stadt Brügge, dem Ort der Handlung, ist wenig zu spüren. Arlaud unterhält das Publikum mit mächtigen, heruntergleitenden Glocken und einer Galerie im Hintergrund mit wechselnden Projektionen. Komödiantentruppen und Kirchenleute bevölkern die Bühne. Die Sänger agieren meist recht hilflos. Aber singen großartig. </P><P>Trotz Daueranstrengung, monströsem Orchestersatz und hoher Tessitura. Die großen Auseinandersetzungen zwischen der sich dem hochdramatischen Fach nähernden Silvana Dussmann (Marietta) und dem mit heldischer Attacke auftrumpfenden Stephen Gould (Paul) etwa pulsieren vor Leidenschaft und dramatischem Feuer. Reinhild Runkel war eine faszinierend konturenscharfe, dabei äußerst textverständliche Brigitta, Markus Brück sang sich als Harlekin in die Herzen des Publikums.<BR><BR>Am Ende Ovationen für Thielemann, sein Orchester und die Sänger nebst einzelnen Buhs für die Regie. Ein eher mäßiger Abend für die Bühnenkunst, aber ein großer, grandioser Sieg für die Musik.<BR></P>

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