Ganz aus Geist

- Es ist ein schwergewichtiger Abend, der Münchens Ballettwoche (bis 29. 3.) im Nationaltheater eröffnete. Ganz Formfülle und Gedanklichkeit. Man ächzte. - Aber so wie er nun mal zusammengestellt ist, mit den Stücken "Dämmern"/Skrjabin (72), "In the Blue Garden"/Ravel (94) und Mozarts "Jupiter-Sinfonie" (91) entspricht dieses "John-Neumeier-Porträt" hundertprozentig der choreographischen Psyche des Künstlers. Das Premieren-Publikum huldigte ihm mit Jubel - den Neumeier diesmal aber auch dem Bayerischen Staatsensemble verdankt.

<P>Denn die Tänzer haben sich schier freihändig in der Luft zerrissen, um, in knappster Probenzeit!, diese drei Neuzugänge in Kopf und Füße zu kriegen. Und glänzend geschafft. Gleich in "Dämmern" geben sie Kraft und Präzision in die Scherenschnitt-steifen Beine, erfühlen sie Neumeiers Sensibilität in dem weit zum Himmel geöffneten Oberkörper und den gleichsam segelnden Armen. Und von Norbert Graf und Valentina Divina wunderbar ernsthaft erfasst das aus der Musik erlauschte skurrile Moment dieses Balletts: das tierhafte Kriechen, das Flattern der Hände. In den 16 Skrjabin-Pré´luden und -Etuden (einfühlsam: Svetlana Behrisch) eine Fülle von sprachmächtig-poetischen Gesten und Schritten. Hier jedoch ohne zu erschlagen. Neumeier bezeichnet "Dämmern" als Schlüsselwerk.</P><P>Alles ist vorhanden für das spätere uvre. Aber es ist an diesem Abend auch das vollendetste Stück. Ein Ballett, aus dessen klaren, kühlen Raumbewegungen immer wieder subtile Pas-de-deux-Beziehungen herausleuchten - traumschön Maria Eichwald mit Amilcar Moret Gonzales -, in der Nähe von Jerô^me Robbins' "Dances at a Gathering", aber mit Neumeiers Extra-Touch an "Durchdenkung". </P><P>Ganz aus Geist und Fantasie geschaffen: "In the Blue Garden" zu Ravels Märchenmusik "Ma mè`re l'oye". In seinem surrealen Anstrich ist es wohl Geschmackssache, aber legitim als halb erzählerisches Mittelstück: ein rotes Segelboot im azurblauen Hintergrund (Zack Brown). Landung vier exotischer Reisender in einer von hellblauem Elfen-Volk durchflatterten fremden Welt - wo sie der Sehnsucht oder auch dem Tod begegnen. Der Auftritt dieser symbol-düsteren Mantelfigur mit Hut und einer weißen (nicht blauen!) Blume in jedem der drei Stücke hätte als dezente Klammer genügt.</P><P>Die dreimal blaue Ausstattung jedoch war ein bisschen zu viel der gleichen stahlharten Farbe. Und zu viele Schritte ebenfalls in der "Jupiter-Sinfonie" - wie heroisch auch Neumeiers Versuch, ein riesiges Ensemble zu bewegen. Während jüngst Bruckners 8. Sinfonie durch Uwe Scholzens Umsetzung tatsächlich besser hörbar wurde, nimmt Mozart durch Massenbewegung auf jede Note Schaden. Überfülle erschlägt. Ausnahme der 2. getragene Satz, der als Abschluss genügt hätte: Was Neumeier da für vier Paare an lyrisch-melancholischen Pas de deux gefunden hat, wie beredt jede Viertelsgeste ist, wie musikalisch das alles fließt - einfach meisterhaft. Und seien wir dankbar, dass man keine Konserve hörte, sondern das von Oliver von Dohná´nyi exzellent geführte Staatsorchester. <BR></P>

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