Ganz normale Rechtsradikale

- Wer den Nachnamen Himmler führt, muss sich bis heute die Frage gefallen lassen, ob denn da Verwandtschaft zu dem NS-Massenmörder besteht. Katrin Himmler kennt diese Erfahrung schon seit ihrer Schulzeit, als sie einem Mitschüler "mit einem Kloß im Hals" gestand: Ja, Heinrich Himmler, der "Reichsführer-SS", war ihr Großonkel. Und jetzt?

Katrin Himmler schrieb eine deutende Familiengeschichte über ihre Familie. Es sollte keine Biografie über Heinrich Himmler sein, wohl aber eine Gruppencharakter-Studie der drei Brüder Gebhard, Heinrich und Ernst. Über ihnen steht Vater Gebhard, ab 1922 Leiter des Wittelsbacher Gymnasiums in München, den Alfred Andersch in "Der Vater eines Mörders" als erzkonservativen Pauker schilderte nach dem Motto: Die NS-Karriere des mittleren Sohnes Heinrich war ja kein Wunder - bei diesem Vater! So einfach war es natürlich nicht, wie der verstorbene Münchner Rechtsanwalt Otto Gritschneder (seinerzeit Schüler bei Vater Himmler) schon bei Erscheinen der Andersch-Buches moniert hat.

Schweigen nach 1945

Auch Katrin Himmler geht Andersch nicht auf den Leim. Sie sieht ihre Familie als einen ganz normalen rechtsradikalen Clan, der gar keinen Grund sah, sich Heinrich vom Leib zu halten - im Gegenteil: Er war im subjektiven Empfinden aller Familienmitgliedern bis 1945 derjenige, der es am weitesten gebracht hatte. Schon 1930, Heinrich war gerade Reichstagsabgeordneter der NSDAP geworden, begann der stolze Vater, Ordner mit Zeitungsausschnitten zum Wirken seines Sohnes anzulegen - zumeist übrigens aus dem Völkischen Beobachter. "Die Vorstellung, dass meine gebildeten Urgroßeltern dieses primitive Hetzblatt lasen, erstaunt mich dann doch", schreibt Katrin Himmler.

Und nach 1945? Nun, man schwieg, unterstützte aber heimlich Bekannte aus der jetzt mit materiellen Schwierigkeiten kämpfenden vormaligen NS-Elite. Fassungslos schreibt die Autorin: "Wie kam meine Großmutter dazu, ausgerechnet diesem Mann Weihnachtspakete zu schicken?" Gemeint war die bald von den Amerikanern hingerichtete SS-Führungsfigur Oswald Pohl.

Bruch mit der Tradition

Nur an einer Stelle bleibt Katrin Himmler merkwürdigerweise unklar: "Püppi" Himmler, die heute in München-Fürstenried lebende Tochter Himmlers, "scheint" nicht nur "Zuflucht und Unterstützung" in rechtsradikalen Kreisen gesucht zu haben, sondern war aktiver Part in dieser Szene: Als Verantwortliche für die so genannte "Stille Hilfe" kümmerte sie sich um verurteilte NS-Kriegsverbrecher. An ihr zeigt sich markant, was der Historiker Michael Wildt in seinem Nachwort als Charakteristikum der gesamten Familie Himmler unterstreicht: Das erschreckende Unvermögen, über die eigene familiäre Vergangenheit kritisch zu reflektieren. Mit dieser Tradition indes hat Katrin Himmler jetzt eindrucksvoll gebrochen.

Katrin Himmler: "Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte". S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 336 Seiten; 19,90 Euro

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