De Serva et Domina in villa rustica

Ein ganz normaler Tag

Sie hießen Delia, Lydia, Rhodia, Hispana und waren allesamt Sklavinnen. Benannt nicht nur nach dem Land, aus dem sie kamen, sondern oft auch nach dem Ort des Sklavenmarkts, auf dem sie verkauft worden waren.

Ohne diese dienstbaren Geister wären die vornehmen Römerinnen nicht, was sie gewesen sind, denn die Sklaverei war die Grundlage der römischen Herrschaft. Sklavin wurde man durch Geburt oder Zugehörigkeit zum eroberten Volk oder durch Bankrott der Familie (!). Herrin war man durch edle Abstammung und Heirat – natürlich mit dem Richtigen. Aber schon in der Kaiserzeit konnten auch freigelassene Sklaven zu Geld kommen und Herren werden.

Wir haben hier den fiktiven Tagesablauf der römischen serva (Sklavin) Delia und ihrer domina (Herrin) Cornelia Balba nebeneinandergestellt und dabei viele Exponate aus der Ausstellung „Luxus und Dekadenz – Römisches Leben am Golf von Neapel“ in der Archäologischen Staatssammlung München (Lerchenfeldstraße 2 ) mit einbezogen. Die Schau läuft bis zum 30. August. Über 15 000 Besucher haben sie seit Anfang Februar gesehen.

von Hildegard Lorenz

SKLAVIN

Vierte Nachtwache
vigilia quarta:

Delia steht auf, wäscht sich, zieht sich an, weckt den Sklaven Numidius, damit dieser die Söhne der Familie zur Schule bringt. Sie bereitet die Lampe und die Fackeln für Numidius vor, mahlt das Mehl, backt Brot, macht den Frühaufstehern ein Bad und das Frühstück zurecht. Dann lässt sie die Klienten – meist Freigelassene – für den Herrn in den Wartesaal, füttert den Hund und die Siebenschläfer, überwacht die Anlieferung der Lebensmittel durch die Pächter und sortiert aus dem Fischfang das Muränenfutter aus.

Sonnenaufgang
ortus solis:

Delia weckt die Töchter, gibt sie der griechischen Sklavin Acme zur Erziehung und Unterrichtung. Numidius hat auf dem Rückweg von der Schule die Wandzeitung studiert und bringt die neuesten Nachrichten aus dem Kaiserhaus. Delia fragt nach Frisur und Kleidung der Damen des Hofstaats, um ihrer Herrin ähnliche Dinge zurechtzulegen.
Der Tag beginnt: Delia holt die Wolle aus der Cella und kontrolliert im Auftrag der Herrin die gestrige Leistung der Untersklavinnen.

Vormittagsstunden
mane:

Die Sklavin begleitet ihre Herrin zu den Muränen-Bassins (verwöhnte Haustiere). Andere Sklavinnen gießen den Garten mit Wasser aus dem Impluvium (Regenbecken). Delia schreibt die Diktate der Herrin auf Wachstäfelchen und gibt sie den wartenden Boten. Vorbereitung des Mittagessens.

Mittag
meridies:

Delia serviert das Essen (Salat, Schnecken, Eier, Brot, Oliven, Grießpudding mit Honigseim und Schnee von den Berggletschern), isst später die Reste. Der Schnee – das Eis der Antike – ist freilich schon geschmolzen.

Nachmittag
post meridiem:

Delia näht neue Kleider für die Herrin, bespricht mit der Färberei die Farben für die Wollstoffe. Acme liest aus den Werken von Catull und Calvus vor. Delia serviert kleine Pasteten. Sie zahlt die Geldgewinne aus.

Abends
vespere:

Delia putzt das Silbergeschirr, mischt den Wein an und engagiert die Künstler für die cena – das Abendessen der Familie. Dieses ist mindestens dreigängig. Heute gibt es Siebenschläfer, Austern, Sautaschen, Seesterne, Mangold, Gurken, Zwiebeln, Oliven und verschiedene Honigkuchen. Komödianten und Lautenschläger treten auf. Delia hat alles organisiert und isst schließlich, was übrig geblieben ist.

Nacht
nox:
Delia arbeitet ihre pensa (abgewogene Wolle für das Tagewerk) ab.

HERRIN

Vierte Nachtwache
vigilia quarta
:
Cornelia Balba ruht auf seidenen Kissen unter der Daunendecke.

Sonnenaufgang
ortus solis:

Cornelia steht auf, wird von Delia gewaschen, badet in der Haustherme, wird eingeölt, massiert und parfümiert und nach kaiserlichem Vorbild gekleidet und geschminkt. Obwohl sie sehr viel Schmuck hat, trägt sie dennoch keinen, da Antonia Caelis, die Konkubine des Kaisers Vespasian (seine Frau Flavia Domitilla ist schon gestorben), gestern Abend auch keinen getragen hat. So beweist Cornelia ihre Treue zum Kaiserhaus.
Gleich nach dem Aufstehen betet sie zu den Göttern. Sie spendet die Milch von einem schwarzen und einem weißen Schaf, vermischt mit Wein, als Trankopfer für die Ahnen und zeigt damit ihre Treue zu ihrer Familie.
Dann verteilt sie die (lanae) pensae (abgewogene Wolle für das Tagewerk) an die Sklavinnen. Ihre Großmutter zur Zeit des Kaisers Augustus hat selbst an Spinnrocken – Spinnrad war noch nicht erfunden – und Webstuhl gesessen, aber später hat sich das geändert. Die Gesetze gegen weiblichen Luxus sind zwar mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder eingebracht worden, haben aber nicht wirklich etwas verändert.

Vormittagsstunden
mane:
Cornelia begrüßt ihre Lieblings-Muräne, die im Gegensatz zu ihr Ohrringe und Halskette trägt. Sie wird als erste mit besonderen Leckerbissen verwöhnt. Morgenpost: Die Herrin liest ihre Briefe und diktiert Delia, die in ihrer Heimat, auf Delos, schreiben gelernt hat, Antworten an die Freundinnen. Die Boten tragen die Nachrichten gleich wieder zurück.

Mittag
meridies:

Gemeinsames einfaches Mittagessen der Familie außer den Söhnen, die immer noch in der Schule sind.

Nachmittag
Cornelia hält Siesta (von hora sexta). Sie erhält Besuch von ihren Freundinnen zur gemeinsamen Dichterlesung. Dazwischen kauft sie einem Hausierer die neuesten Seidenstoffe und Parfums ab. Dann endet der Nachmittag im fanatischen Würfelspiel der Damen.

Abends
vespere:
Festbankett der Familie mit wenigen Freunden. Die Speisen werden auf Tischen serviert und mit den Tischen hinausgetragen. Man isst mit Löffeln oder Fingern, deshalb werden vor Beginn des Essens jedem Gast die Hände gewaschen (die Füße auch).

Nacht
nox:

Der Hausherr betet mit Cornelia und den Kindern vor dem Hausaltar. Nachtruhe.

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