Ganz ohne sexuelle Hörigkeit

- Man soll die Feste feiern wie sie fallen, wenn's auch ein Todestag ist. Berlin hat Brecht-mäßig gewaltig aufgerüstet. Denn heute vor 50 Jahren starb in dieser Stadt der große Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht. Und im Gegensatz zu München, wo der junge Dichter nicht gerade unwichtige Jahre verbracht hat, steht in Berlin alles unter dem Zeichen des armen b.b.

Einen Tag bevor das Berliner Ensemble, Brechts einstiges Theater, mit einer großen Gala in ein buntes, international gemixtes Brecht-Potpourri startete, hat hier schon ein anderer mächtig auf den Putz gehauen: Klaus Maria Brandauer. Er inszenierte im wiedereröffneten Admiralspalast Brechts und Kurt Weills "Dreigroschenoper".

Das ideale Stück

Das Leben ist eine Baustelle. Und da Theater nun einmal Spiegelbild des Lebens ist, passte das vorangegangene Mediengeschrei um die reale Theater-Baustelle in der Friedrichstraße 101 bestens. Nun, auf den letzten Drücker, haben die Handwerker das Haus verlassen, hat die Baubehörde die Spielgenehmigung doch noch erteilt, und Trauben von Berlinern verstopften am Abend der Premiere die enge Straße in Erwartung anrollender Prominenz aus Politik, Kultur und Wirtschaft.

Das schöne, historische, 1700 Plätze fassende Haus in Berlins alter, pulsierender Mitte, das vor dem Zweiten Weltkrieg als Admiralspalast berühmt war, nach 1945 zunächst die Oper beherbergte und dann als Metropoltheater jahrzehntelang der Operette diente, trägt jetzt wieder seinen ursprünglichen, klangvollen Namen. Grund genug für Altstar Johannes Heesters, sich nach Berlin einfliegen zu lassen, um dem Ort seines frühen Ruhms einen Nostalgiebesuch abzustatten.

Wo die Not am größten...

Mit den größten Erwartungen blickte alles auf die Wiedereröffnung dieses traditionsreichen Tempels der Unterhaltung. Besseres als "Die Dreigroschenoper" ließ sich dafür nicht denken, wurde doch dieser Dauerbrenner vor 78 Jahren schräg gegenüber am Schiffbauerdamm, im heutigen Berliner Ensemble, uraufgeführt. Auch 1928 war das ein privat finanziertes und von Pannen und Skandalen begleitetes Unternehmen. Ob die Aufführung damals tatsächlich so gut war wie sie noch heute Dank legendärer Namen berühmt ist, weiß in Wirklichkeit wohl niemand mehr. Egal, gewiss ist: Sie wurde ein Welterfolg. Was man der aktuellen Berliner Produktion kaum prophezeien kann. Aber auch sie ist ein frei produziertes Projekt. Und zwar von Lukas Leuenberger, dem mutigen Mann aus der Schweiz, der vor zwei Jahren mit Schillers "Wilhelm Tell" auf dem Rütli von sich reden machte.

Natürlich wünschte man auch seinem Berliner Coup so sehr die große Fortune. Doch klangvolle Namen allein und der Rummel drum herum machen noch lange keine gute Aufführung. Gezahlt wird am Abend auf der Bühne bar. Und da wird das Falschgeld sehr schnell erkannt. Diese Inszenierung muss als gründlich nicht gelungen bezeichnet werden. Trotz Campino, dem Star der Punkband Tote Hosen, der wohl ein charmanter, sehr heutiger Mackie Messer sein könnte. Trotz Gottfried John, der als Bettlerkönig Peachum zwar mit schönem kleinbürgerlichen Ernst die Figur ausstattet, insgesamt aber viel zu bescheiden und verunsichert agiert. Trotz Katrin Sass, die temperamentvoll als Mrs. Peachum durch den weitgehend temperamentlosen Abend fegt. Dass man ihr, die stimmlich wie auch äußerlich durch die rotblonde Pagenperücke an Brecht-Sängerin Gisela May erinnert, die "Ballade von der sexuellen Hörigkeit" gestrichen hat, ist nur eine der zu vielen Unzulänglichkeiten dieser Inszenierung. Sie wartet ja mit bemerkenswerten Schauspielern auf, die an sich, sollte man meinen, schon einen Besuch dieser "Dreigroschenoper" lohnen müssten: Birgit Minichmayr mit ihrer rau-naiven Kessheit als Polly; Maria Happel mit dem Habitus der großen Diseuse als Jenny; oder Michael Kind, der mit einer einzigen Geste die Bühne in Besitz nimmt, als Tiger Brown.

Sie alle schienen nur darauf zu warten, dass ein Regisseur käme und mit ihnen dieses Stück inszenierte. Auf dass Macheath' Song "Gerettet, gerettet! Ja, ich fühle es, wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten" Wahrheit würde. Doch für die Rettung ist Klaus Maria Brandauer der falsche Mann. Er ist kein Regisseur. Er denkt sich Sachen aus, die keinen Sinn machen. Zum Beispiel das Vorspiel mit der "Moritat von Mackie Messer" zu streichen und den berühmten Song vom Haifisch, der die Zähne mitten im Gesicht trägt, in die Mitte des Stücks zu verlegen. Da darf ihn dann jene Figur singen, die als Bettler verkleidet die weiße Brecht-Gardine auf- und zuzieht.

Eitel verspieltes Finale

Ein anderer "Einfall": Weil doch die Hinrichtung Mackie Messers mit den Krönungsfeierlichkeiten der Königin konkurriert, setzt Hure Jenny ihrem Mac eine goldene Pappkrone auf den Kopf. Die gibt er erst wieder her, nachdem er musikalisch "Jedermann Abbitte" geleistet hat. Dazu lässt ihn der Regisseur Shakespeares Richard III. im Original zitieren - dessen Ruf nach einem Pferd, das er gegen sein Königreich tauschen wolle. Dass der "Reitende Bote" dann nicht wie bei Brecht hoch zu Ross erscheint, sondern sich müde aus dem Orchestergraben auf die Bühne wälzt, darüber kann höchstens Brandauer selbst lachen.

Schmidinger trat nicht auf

Ein eitel verspieltes Finale, das allerdings musikalisch akzeptabel funktioniert. Dirigent Jan Müller-Wieland hat mit dem Filmorchester Babelsberg gute Arbeit geleistet und auch die Schauspieler dazu gebracht, weitgehend den Weill'schen Ton zu treffen. Nur hatte er keine gleichwertigen Partner. Weder in Bühnenbildner Ronald Zechner, der für dieses große Theater einen viel zu dunklen, mit Kinkerlitzchen versehenen Raum geschaffen hat. Noch in Brandauer, dem erfolgreichen Schauspieler, der aber so gerne in einem anderen Beruf glänzen würde. Ein guter Regisseur sein! Ja, wer wär's nicht gern? Doch offenbar fehlt ihm hierfür das Talent. Er führt die Figuren nicht zusammen, hat keinen Rhythmus, findet keinen Grundgestus für das Stück und auch nicht das Aasige, das Proletige, das Geschäftige. Das Traurigste aber: Klaus Maria Brandauer verfehlt den Brechtschen Witz, seine Frechheit, seine rigorose Frivolität und dialektische Schärfe.

Einer seiner Mitwirkenden scheint da im letzten Moment ausgestiegen zu sein: der Schauspieler Walter Schmidinger. Auf dem Personenzettel wird er noch für die Winzlingsrolle des Pastor Kimball genannt. Doch blieb Schmidinger nicht nur der Trauung Mackie Messers mit Polly Peachum fern, sondern gleich der gesamten Vorstellung. Ein Fehler war das wohl nicht. Die Quittung für die verpatzte Premiere erhielt Brandauer umgehend: Während das Publikum die Schauspieler mit freundlichem Beifall bedachte, buhte es ihn gnadenlos aus.

Bis 24. September täglich außer montags. Karten unter: 030/ 47 99 74 99.

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