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Ein Stadtviertel-Strizzi ist Castorfs Faust ( Atalla Ayan; hier mit Mandy Fredrich als Margarethe).

Premierenkritik

Ganz Paris singt von Enttäuschung

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Stuttgart - Jubel am „Opernhaus des Jahres“: Frank Castorf, Noch-Intendant der Berliner Volksbühne, inszenierte in Stuttgart Charles Gounods „Faust“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik. 

Irgendwann brach sogar „Krieg“ aus, wie einige Medien hechelten. Stalingrad, umkämpft, eingekesselt, eine Pariser U-Bahn-Station im Eck zwischen dem 10. und 19. Pariser Arrondissement. Migranten schlagen dort gerade immer wieder ihre Zelte auf, werden brutal angefeindet, wehren sich – dabei haben die Einwohner schon genug Probleme. Letzteres sagt Frank Castorf und blickt auf die abgewrackte Seite von Paris mon amour. Dort, wo von Leben und Liebe Enttäuschte im „Café Or Noir“ sitzen, wo man in den letzten Resten der Kommune haust, wo heimgekehrte Soldaten Skalps mitbringen und zum Pseudo-Patriotismus anstacheln: Statt der Trikolore werden Coca-Cola-Fähnchen geschwenkt.

Castorf scheint den Premierenjubel nicht zu mögen

Gespielt wird an diesem Stuttgarter Abend kein Sozialdrama à la Anouilh oder Sartre, sondern tatsächlich Charles Gounods „Faust“. Und der Geist, der im Opernhaus des Jahres herrscht, muss Castorf erfüllt haben. Am Ende der Premiere Hochstimmung, Jubel, Trampeln, mit voller Berechtigung. Doch dem Regisseur, für seine Bayreuther „Ring“-Untaten samt Stinkefinger heftig angefeindet, scheint auch das nicht zu passen, nach wenigen Augenblicken schlendert er missmutig davon.

In München inszeniert der Regisseur „Aus einem Totenhaus“

Gounod steht dem Noch-Chef der Berliner Volksbühne jedenfalls, der an der Bayerischen Staatsoper Janáceks „Aus einem Totenhaus“ inszenieren wird. Weil diese vordergründig saftige Melodienrevue tatsächlich Einfallspforten bietet für Castorfs konterkarierende Kniffe. Die sind ja längst vom Stil zur Masche geronnen. Hier aber, in dieser im Vergleich zu Bayreuth reduzierten Anwendung, passt fast alles. Wieder sind zwei Kameramänner unterwegs, vergrößern und vergröbern per Leinwand-Projektion Gesichter, zeigen Hinterzimmer-Emotion, ziehen Zusatzebenen zum Rampengeschehen ein.

Der Wunderbühnenbildner Aleksandar Denic, ohne den Castorfs Abende weniger als die Hälfte wert wären, lässt Paris auf ein drehbares, genial verschachteltes Gebilde zusammenschnurren: Café, geschlossener Metzgerladen, Stall-artiges Zimmer im Bretterverschlag, und oben grüßt der Turm von Notre-Dame mit seinen teuflischen Wasserspeiern. Kein Gelehrter ist Castorfs Faust, sondern ein Stadtviertel-Strizzi, der sich vom zwielichtigen Kumpel Mephistopheles, dem es im Anblick des Kreuzsymbols die Finger verkrallt, das kleine Macho-Glück erhofft. Atalla Ayan bringt für den Titelhelden arg wenig Tenorgrandezza mit, singt Dramatisches nach dem Motto „Alles muss raus“. Adam Palka allerdings, dieser schlangengeschmeidige, wuchtstimmige Bösewicht ist ein Weltklasse-Mephistopheles. Alle großen Häuser müssten sich ab sofort nach dem Polen verzehren.

Margarethe ist eine Flitter-Diva

Das Teuflische steckt im Detail. In einer immer wieder eingeblendeten Schlange, die an den Figuren hinaufkriecht, oder in den Tarot-Karten, die Margarethe legt. Diese Flitter-Diva hat ihre besten Tage hinter sich – oder durfte nie welche erleben. Vergeblich wird sie vom mondänen Siebel (Josy Santos) angeschmachtet, der hier eine Frau sein darf. Wie eine Wiedergängerin von Donizettis Belcanto-Heldinnen irrt Margarethe am Ende im weißen Kleid über die Szene (Kostüme: Adriana Braga Peretzki). Gerichtet? Gerettet? Ein Glas Schampus mit tödlicher Tablettendosis ist ihre letzte Entscheidung.

Mandy Fredrich spielt das eindrucksvoll, mutig, anrührend, bleibt aber im Gesang zu weich und passiv. Dafür wird Valentin dank Gezim Myshketa erheblich aufgewertet: ein verletzlicher Soldatenbulle mit zärtelndem Bariton, der sich sterbend im unbefleckten Kleid von Schwester Margarethe verkrallt.

Hier gibt es kaum schluffiges Schleifen

Dieser Castorf-Abend funktioniert, weil sich der Altmeister für seine Figuren interessiert und nur wenig schluffig schleifen lässt. Zur Walpurgisnacht ist ihm trotz des grandiosen Staatsopernchores wenig eingefallen, auch zu ein, zwei anderen Szenen nicht, doch das fällt kaum ins Gewicht. Dirigent Marc Soustrot und das Stuttgarter Staatsorchester liefern eine Deutung, die im Laufe der drei Stunden Kurzweil immer besser wird. Das sehnige Klangbild, der oft gehetzte Puls, die beherzt ausgestellte Drastik, die duftige Lyrik – alles da und logisch entwickelt. Ein unerwartet starker Abend, Fortsetzung folgt andernorts: Zum Finale an der Berliner Volksbühne wuchtet Castorf „Faust  II“.

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