Die ganze Oper ist ein Schiff

Schlingensiefs "Holländer": - Wer so an Deutschland und seinen Meistern leidet, ist letztlich von ihnen besessen. Die Diagnose trifft vor allem auf Regie-Bengel Christoph Schlingensief zu, der sich 2004 in Bayreuth an Richard Wagners "Parsifal" wagte ­ und sich damit zugleich, wie nicht nur orthodoxe Fans meinten, am "Bühnenweihfestspiel" vergriff.

Doch Wagner lässt Schlingensief nicht los. Der Berufsprovokateur nimmt sich derzeit den "Fliegenden Holländer" vor und wandelt damit auf den Spuren von Fitzcarraldo, dem Werner Herzog in seinem Kinski-Film ein Denkmal setzte. Schlingensief inszeniert nämlich wie Fitzcarraldo im brasilianischen Regenwald: Am 22. April hat sein "Holländer" im prunkvollen Teatro Amazonas in Manaus Premiere.

Selbstverständlich will es der 46-Jährige nicht bei einer "normalen" Premiere belassen. Zwei Tage zuvor soll eine "sakrale Prozession" oder ein "säkularer Karnevalsumzug" durch Manaus mit sechs Motivwagen auf das Projekt einstimmen. Und so ganz ist auch noch nicht klar, was denn Schlingensief beim "Holländer" bieten will.

Schon von entnervten Bayreuther Festspielaktiven wurde ja berichtet, der Regisseur wisse oft selbst nicht genau, wie sich seine Darsteller verhalten sollen. Festspielchef Wolfgang Wagner zeigte sich zwar bei Privatbesuchen von den guten Manieren Schlingensiefs angetan. Doch immer wieder mussten Proben abgebrochen, Bühnenbilder umgearbeitet und Beteiligte beruhigt werden ­ Schreikrämpfe von Regisseur und Mitwirkenden brachten da nur selten Linderung. Die Feinarbeit wurde daher Bayreuths Thronfolgerin Katharina Wagner überlassen. In diesem Sommer ist dieser "Parsifal" letztmals auf dem Bayreuther Spielplan und wird 2008 durch eine Inszenierung Stefan Herheims ersetzt.

Im "Holländer" von Manaus soll laut Schlingensief "die ganze Oper" zum Schiff werden. Sie werde "zum Bersten voll mit Menschen sein, die sich der ursprünglichen Besatzung anschließen". Mit großem logistischem Aufwand werden Schlingensiefs Pläne am Zusammenfluss von Rio Negro und Amazonas verwirklicht. Wagnerianer dürfen sich indes nach dieser Premiere nicht in Sicherheit wiegen: Der Schöpfer des "Deutschen Kettensägenmassakers" hat, wie zu hören war, schon ein Auge auf "Tristan und Isolde" geworfen.

Mit der Titulierung als "Provokateur" kann Christoph Schlingensief übrigens wenig anfangen: "Gibt es etwas Etablierteres als die Provokation? Das sind Mätzchen, die Empörung soll dem Künstler auch noch suggerieren, er wäre kontrovers und hätte aufgewühlt. Kunst verfilmt zu oft die eigenen Fußnägel."

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