Die ganze Welt im Blick

München - Okwui Enwezor ist's geworden. Für das Münchner Haus der Kunst hat man einen veritablen Documenta-Chef (2002) eingekauft.

Leicht wird er es dennoch nicht haben als Nachfolger von Chris Dercon. Am Mittwoch stellte Kunstminister Wolfgang Heubisch den gebürtigen Nigerianer (1963), der mit Familie in New York lebt, der Öffentlichkeit vor - bereits in dessen neuer Wirkungsstätte, dem Haus der Kunst. Ab Oktober 2011 wird der Kurator, kunsttheoretische Autor („Großausstellungen und Antinomien einer transnationalen globalen Form“) sowie wissenschaftliche Dozent die Kunststätte übernehmen. Erst dann will er sein Programm vorstellen. Sein Vertrag läuft über fünf Jahre.

Vorgänger Dercon hatte vorzeitig gekündigt, um an die Tate Modern nach London wechseln zu können. Er fängt dort im April an, wird aber noch die Ausstellung „Carlo Mollino - Maniera moderna“ (ab September) betreuen. Dercons Kollege Ulrich Wilmes und der kaufmännische Chef Marco Graf von Matuschka werden bis Herbst die Galerie/ Stiftung leiten. Heubisch zeigte sich bei der Pressekonferenz - der Ministerrat hatte gerade erst die Personalie abgenickt - sowohl väterlich stolz auf Dercon wie auf den Neuzugang Enwezor. Man wolle die „Attraktivität und Ausstrahlung“ des Hauses der Kunst unbedingt erhalten.

Okwui Enwezor blieb verständlicherweise unkonkret, erklärte seine Freude, in München zu sein und - naturgemäß - in der Ausstellungshalle an der Prinzregentenstraße. Er ist sich der NS-Belastung bewusst, aber auch, dass hier ein Zentrum wichtiger Ausstellung war und ist. Das will er weiterentwickeln. Ihm geht es dabei um die Einbeziehung der ganzen Welt, nicht nur um die Sicht auf Europa und Nordamerika. Das ist ja auch der rote Faden in seinem Lebenswerk. „Der experimentelle Geist der Kunst“ soll in diesem Zusammenhang helfen, zwischen den Kulturen, Nationen und Zivilisationen zu vermitteln. Die Spaltung in „entwickelt“ und „nicht entwickelt“, dieses ausgrenzende Denken, möchte er aufheben. Enwezor versucht dabei, sowohl das Globale wie das Lokale zu sehen. Lokal ist sein Hinweis, dass „München ein Ort seiner intellektuellen DNA“ sei: Er erinnerte fröhlich und dankbar an Jo-Anne Birnie Danzker von der Villa Stuck (1992-2006). Sie hatte ihn zu der Schau „The Short Century“ animiert, die von Afrikas Geschichte der Befreiung und Kunst erzählte (2001).

Die wenigen Bemerkungen machten klar, dass hier vor allem ein nachdenklicher Theoretiker sitzt. Er hat viele Projekte umgesetzt, zum Teil so gigantische wie die Documenta, die Erfahrung mit einer langfristigen Arbeit in einem Museum oder einer Ausstellungshalle für eine bestimmte Stadt, ihr Umland, ihre Gemeinschaft fehlt ihm noch. In München wird er dieses Neuland betreten, ausgerüstet mit eigenem Wissen. Das wird sicherlich die hiesige Szene bereichern. Jedenfalls wurde er schon mit offenen Armen empfangen. Und Vorgänger Chris Dercon habe nicht nur ihm gratuliert, sondern auch dem Team des Hauses der Kunst zu Okwui Enwezor.

Simone Dattenberger

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