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Ein halbierter Western-Salon, ein Glitzervorhang und vor allem die präsenten und agilen Schauspieler (v.li.) Sandra Hüller, Kristof Van Boven, Benny Claessens und Katja Bürkle – viel mehr braucht René Pollesch nicht für seinen Abend „Gasoline Bill“ an den Münchner Kammerspielen.

Premierenkritik

„Gasoline Bill“ an den Kammerspielen

München - Mit „Gasoline Bill“ inszenierte René Pollesch an den Münchner Kammerspielen komisches Diskurs-Varieté. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Das ist doch mal eine originelle Erklärung dafür, dass Theaterbesucher in Gedanken öfter abschweifen: „Weil die Last ihrer Emotionen von den Schauspielern übernommen wurde“, die auf der Bühne Gefühle darstellen, könnten die Zuschauer ganz befreit an was anderes denken. Und wenn dabei was Gutes rauskomme, habe eine Aufführung schon ihren Zweck erfüllt. Diese bestechende Theorie wird ausgerechnet von der Bühne der Münchner Kammerspiele herab verkündet, in René Polleschs jüngstem Werk „Gasoline Bill“, das unerwartet süffig ausfällt.

Schon der Glitzervorhang, der ans Pariser „Moulin Rouge“ erinnert, weckt ja Erwartungen – die auch nicht enttäuscht werden: Da sieht man einen halbierten Western-Saloon mit der Aufschrift „Last Chance“ außen und Matratzenlager innen, auf dem die vier hochpräsenten, agilen Akteure in Cowboyklamotten herum- und übereinanderkugeln, während sie verkünden „dieses undurchdringliche Subjekt ist in jedem präsent“. Aha.

Die Besetzung

Regie: René Pollesch. Bühne: Bert Neumann. Kostüme: Nina von Mechow. Souffleur: Joachim Wörmsdorf. Darsteller: Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof Van Boven.

Dann klauen sie dem Souffleur das Textbuch, sodass der auf die Bühne kraxeln muss, um es zurückzuholen (und dafür einen Riesenapplaus einheimst). Zwischendurch wird der drehbare Saloon immer wieder zur kreisenden „Gebetsmühle“ umfunktioniert – oder zum Schiff: „Obsttorten an Steuerbord“ verkündet Katja Bürkle, ehe in einem Fernsehshow-artigen „Kurzzusammenfassungswettbewerb“ Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ in 15 Sekunden erzählt werden soll. „Das war so toxisch!“, kreischt Sandra Hüller, was ungefähr so viel bedeutet wie „ätzend“, und am Schluss wird auch noch Max Weber mitverwurstet, der die Entstehung des Kapitalismus bekanntlich mit der calvinistischen Determinationslehre kausal verknüpft sah...

Da hat René Pollesch also grade noch mal die Kurve gekratzt und die „Last Chance“ ergriffen. Sein grelles Antitheater mit Theorie-Overkill, anfangs Avantgarde, dann „Kult“ und inzwischen an allen führenden Bühnen Bestandteil des Repertoires, lief Gefahr, durch die Wiederholung des immergleichen Musters in Manier zu erstarren. Aber jetzt tritt der Berliner Autor-Regisseur die Flucht nach vorn an. Nachdem er ohnehin längst zum Establishment gehört, hat er seinen kratzigen Widerborsten-Stil gleich selber abgeschliffen und diesmal eine richtig flotte Revue inszeniert. Ein saukomisches Diskurs-Varieté quasi, das schmissig zu nennen, man sich nicht scheuen sollte.

Die Handlung

Gasoline Bill arbeitet an einer Nachttankstelle, kommt aber im Stück gar nicht weiter vor. Ebenso wie das Ehepaar Brainsample, das gelegentlich erwähnt wird. Aber diese Verweigerung jeglicher Handlung ist integraler Bestandteil der Bühnen-Shows von René Pollesch.

Natürlich gilt nach wie vor: Die Schauspieler spielen hier nicht Theater, sondern sie spielen Theaterspielen. Aber diese letztlich von Brecht hergeleitete Verweigerungsästhetik wird jetzt „fruchtbar“ gemacht, indem Pollesch sie zu einer Art Meta-Kabarett ummodelt. Wenn die Akteure beim Disco-Tanzkurs vom Videoband linkisch zuckend die Bewegungen der Tanzlehrer imitieren, dann ist das auch deshalb eine der witzigsten Szenen des Abends, weil da das Pollesch-Prinzip der Imitation der Imitation sich selbst imitiert und damit auf den Arm nimmt.

Bisher waren seine chaotischen Bühnen-Performances marxistische Gaga-Seminare, die allzu didaktisch daherkamen und insofern das Theater immer noch als moralische Anstalt verstanden. Durch den Kunstgriff der Selbstironie hat Pollesch auch dieses normative Korsett abgeworfen und ist endlich angekommen: beim transzendentalen Boulevardtheater, das mit einer anarchischen Kulinarik der Sinnverweigerung ebenso irrwitzig unterhaltsam wie befreiend wirkt. Und plötzlich muss es einen gar nicht mehr stören, dass man bloß Bahnhof versteht beim Dauergebrabbel der Schauspieler. Schließlich, so ist zu erfahren, sind wir ja alle nur „die Beta-Version von Subjekten“. Stürmischer Jubel.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen am 21. und 25. November sowie am 4. und 12. Dezember; Maximilianstraße 28;

Telefon 089/ 233 966 00.

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