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Salamikrämer oder Salamucci kamen meist aus der Lombardei, Friaul oder Venetien und verkauften ab dem 18. Jahrhundert auf Wiens Straßen Würste und Käse. Ihr Kaufruf „Salamini, da bin i! – Salamoni, geh doni [zur Seite]!“ war seinerzeit unverwechselbar.

Von Gassenkehrern und Salamikrämern

München - Arbeit ist so ziemlich das Letzte, womit man sich in seiner Freizeit beschäftigen möchte. Der Österreicher Rudi Palla sieht das anders und veröffentlicht mit „Verschwundene Arbeit" eine Anthologie ausgestorbener Berufe.

Pünktlich zum 1. Mai stellen wir das Buch vor.

Der folgende Vorschlag könnte Vertretern einer radikalen Arbeitsmarktpolitik gefallen. Schaffen wir doch Straßenbeleuchtungen und öffentliche Bedürfnisanstalten ab und ersetzen sie durch Laternenträger und Abtrittanbieter. Ein Arbeitsplatz pro Lampe und Toilette. Das ergäbe Vollbeschäftigung im Handumdrehen - jedenfalls theoretisch. Zugegeben, für heutige Verhältnisse klingt das skurril, ja wäre völlig unzumutbar. Doch Berufe wie diese hatten einmal Hochkonjunktur und gehörten zu einer reichen (Arbeits-)Kulturlandschaft, die uns heute abhanden gekommen ist.

Über die Gründe hierfür muss man nicht lange debattieren. „Der technische Fortschritt macht manche Berufe einfach überflüssig", meint Rudi Palla, österreichischer Filmemacher und Autor des Buches „Verschwundene Arbeit". Er sagt das ganz ohne kulturpessimistische Attitüde. Die Zeiten ändern sich eben und mit ihnen auch die Jobs. Trotzdem hat sich der Wiener Autor auf 280 großformatigen Seiten mit diesem Thema befasst. Zwei Jahre lang. Hat mehr als 200 verschwundene Berufe zusammengetragen, literarische wie historische Quellen gesammelt und Bildmaterial ausgewählt. „Das war wie ein Sog für mich", schwärmt Palla in leichtem Wienerisch. Dem Buch, das bereits 1994 in der Anderen Bibliothek erschien und jetzt, überarbeitet und leicht gekürzt, vom Brandstätter Verlag neu aufgelegt wurde, merkt man diese Begeisterung deutlich an.

Mit stilistischer Leichtigkeit und einem Händchen für anekdotische Spitzen führt Palla aus, welchen Aufgaben ein Planetenverkäufer, ein Haftelmacher und ein Rosstäuscher nachgingen. Was man den anrüchigen Berufsständen der Kastrierer, Fratschlerinnen und Hausierer nachsagte. Und unter welch strapaziösen Bedingungen ein Großteil der Arbeit zu verrichten war. Während mancher Eintrag dabei in lexikalisch prägnanter Kürze gehalten ist, zeigt der Autor in anderen Fällen sein profundes Wissen um die Hintergründe einer bestimmten Berufsgruppe ausführlich.

Besondere Aufmerksamkeit widmet er Tätigkeiten, die eine gewisse Handfertigkeit voraussetzten, ein filigranes Können, das im technologischen Zeitalter seinen Nutzen verloren hat. Denn nicht nur hat so mancher Berufsstand als soziale Grupe ausgedient. Mit ihm sei zugleich ein Stück praktischer Intelligenz, Erfindungsreichtum und ein Gefühl für die Materie verloren gegangen, wie Palla betont. Mag sein, dass er dabei etwa an seinen Vater denkt, den Schriftsetzer, der auf einer der zahlreichen Fotografien zu sehen ist. Der Eintrag zur „Kunst des künstlichen Schreibens" füllt dementsprechend sechs Seiten des Buches.

Und obwohl es Pallas Texten ganz und gar fern liegt, das Alte zu verklären, spürt man bei der Lektüre einen sonderbaren Charme. Eine eigentümliche Verbundenheit des Menschen mit seinem Beruf. Der Hausierer war ein Typ, ein Charakter, ebenso wie die Fahrenden Leute, die Hofnarren und andere. Palla spricht von einer besonderen Identifikationsmöglichkeit, ohne jedoch den Hinweis auf das „enge Korsett" zu vergessen, in dem sich die Berufstätigen früherer Generationen befanden.

Es ist diese Nüchternheit, die „Verschwundene Arbeit" zu einem reichen Nachschlagewerk macht. Aber es ist die Fähigkeit zur Anekdote, die es zu einem wirklichen Lesegenuss werden lässt. Josef Lang etwa, der letzte Scharfrichter der k. u. k.-Monarchie, trug stets einen Büschel Strickfasern mit sich herum, die er in höheren Gesellschaftskreisen als Glücksbringer verkaufte. Er selbst behielt lieber die Schamhaare seiner Freundinnen im Portemonnaie. Die humorvolle Seite eines sonst eher düsteren Zeitgenossen.

Marcus Mäckler

Rudi Palla: „Verschwundene Arbeit", Brandstätter Verlag, München & Wien, 280 S.; 35 Euro.

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