Gawrilow am Rande des Kontrollverlusts

- Der schärfste Konkurrent von Andrei Gawrilow dürfte wohl Andrei Gawrilow sein. Denn die Standards, die der Pianist 1976 mit seiner ersten und besten Aufnahme des d-moll-Konzerts op. 30 von Rachmaninow gesetzt hat, gelten nicht nur für seine Kollegen - sie gelten auch für ihn selbst. Während er damals noch einen geradlinigen, beherrschten Rachmaninow vorlegte, präsentierte er jetzt vergleichsweise launisches, auch zweifelhaftes Klavierspiel (Münchner Gasteig).

<P>Man fragte sich etwa, was ihn im Kopfsatz dazu verleitet haben könnte, das oktavierte Kontra-A vor der Überleitung zum zweiten Thema, gegen Text und gegen Sinn, entschieden Forte zu spielen, oder warum er das Synkopenmotiv aus dem Finale rhythmisch so aufgeweicht, fast triolisch darbot. Gawrilows Tastenkühnheit bewegte sich manchmal am Rande des Kontrollverlusts wie zum Beispiel nach der Kadenz, wo für einige Takte improvisatorische Orientierungslosigkeit herrschte.</P><P>Andererseits konnte man geballte Virtuosenenergie erleben: Der Walzerteil des Mittelsatzes huschte so sprühend und fingerflink vorüber wie ehedem bei Byron Janis. Und der komplizierte Schlussabschnitt der Mini-Variationen, die ins Finale eingeschaltet sind, wurde von Gawrilow mit Rasanz und souveräner Zweiunddreißigstel-Übersicht gemeistert. Das Publikum zeigte sich begeistert und bekam als Zugabe Chopins cis-moll-Nocturne zu hören. Andrew Litton, der Gawrilow zusammen mit dem Dallas Symphony Orchestra unterstützte, erwies sich als aufmerksamer, äußerst solistenfreundlicher Begleitdirigent. Tschaikowskys vierte Symphonie gelang den Amerikanern dann mit Wucht und Verve, akkurat im Scherzo, klangsatt im Moderato, wenn auch mit etwas wackeligen Blechbläsern in den Ecksätzen. Heftiger Applaus in der schütter besetzten Philharmonie und eine Zugabe.</P>

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