Gebäude ­- Gedächtnis -­ Geschichte

München - Ein stetig schwelendes Thema in unserer Gesellschaft ist der Denkmalschutz. Auch in München. Wenn die Stadt heuer ihren 850. Geburtstag feiert, ist das Anlass, über Denkmalschutz nachzudenken.

Städte, Orte wandeln sich ­ notwendigerweise. Und die Generationen vor dem Zweiten Weltkrieg rissen ungeniert ganze Straßenzüge ab: entweder weil Gründerzeit-Kapitalisten Platz schafften für ihre Unternehmungen oder weil ein Mann wie Ludwig I. ein neues Quartier aus dem Boden stampfte oder weil Größenwahnsinnige wie die Nazis ihre Allmachtsfantasien austoben wollten. Die Bomben schufen dann ihre eigenen "architektonischen" Tatsachen. Als die Überlebenden nicht mehr nur um Essbares kämpften, sondern zu überlegen begannen, wie der Aufbau funktionieren sollte, war die Frage: 90 Prozent der Münchner Innenstadt abreißen? Eine Stadt an einem anderen Fleck errichten? Altes bewahren? Und wenn ja, was? In München hat man sich zu einer relativ weitgehenden Rekonstruktion des urbanen Kerns entschlossen.

Die Fans der damaligen Idee einer autogerechten Stadt wurden zwar nicht ganz ausgebremst (siehe Altstadtring), gewannen jedoch nicht die Oberhand. Was heute die Touristen anzieht und für Bayern und Münchner "ihre" Metropole im Innersten ausmacht, ist zu großen Teilen einem sozusagen erweiterten Denkmalschutz zu verdanken. Dass das richtig war, dass man am Liebsten noch mehr Altes erhalten hätte sollen, darin sind sich heute alle einig.

Wenn es dann aber um konkrete Forderungen geht, die der städtische oder staatliche Denkmalschutz vorträgt, wird oft erbittert gestritten. Zu teuer, zu unpraktisch, zu unbedeutend, zu unwirtschaftlich. So wird das abgekanzelt, was zuvor als identitätsstiftend, geschichtsträchtig, weicher Standortvorteil oder schlicht wohlfühl-schön gepriesen wurde. Brauche ich den Baugrund, muss ich einen Investor zufriedenstellen, will ich viel Rendite erzielen, stört Denkmalschutz einfach. Er soll gefälligst stillhalten: Da sind sich dann so unterschiedliche Personen wie Oberbürgermeister Christian Ude (Schwarzes Haus am Färbergraben), Ex-Finanzminister Kurt Faltlhauser (Alter Hof, Maximilianshöfe, Marstall) oder der Besitzer eines alten Bauernhauses einig. Ansonsten ist Denkmalschutz o.k. und sehr zu begrüßen ­ wenn er andere betrifft.

Selbst kulturnarrische Leute rümpfen die Nase, wenn es bei Schützenswertem nicht um hübsche Häuser, elegante Schlösser, urige Troadstadl oder reizvolle Dorf-Ensemble geht. Aber das ist ein Missverständnis. Denkmalschutz darf sich nicht um gerade gängige oder persönliche Geschmacksvorlieben kümmern, Denkmalschutz muss historische Dokumente sichern. Kein Archivar würde Urkunden wegschmeißen, nur weil sie nicht gefallen. Häuser, Dörfer, Städte, die über die Zeiten hinweg gewachsen sind, sind solche Urkunden. Sie bezeugen Geschichte.

Sie bezeugen handwerkliches Wissen und Können unserer Vorfahren. Sie bezeugen Denkstrukturen und Entwürfe von Lebensweisen. Kurz: Sie sind ein so bedeutender wie einprägsamer Bestandteil des Gedächtnisses unserer heutigen Gesellschaft. Und ohne dieses Gedächtnis sind wir verloren. Unser Gehirn funktioniert nun einmal so, dass es die Welt räumlich organisiert. Nur auf diese Weise finden wir uns zurecht. Deswegen wird nicht nur rein praktisch gebaut, sondern auch symbolisch. Deswegen schlagen manchmal die Emotionswogen bei Baulichkeiten ­ Hochhäuser in München, Waldschlösschenbrücke in Dresden, Stadtschloss in Berlin ­ überraschend hoch. Es ist das Gefühl da: Wir wollen diese Bau-Erinnerungen nicht ausradieren lassen.

Meist aber herrscht Gleichgültigkeit, wenn in das Gedächtnis eines Orts eingegriffen wird. Gerade wenn uns das betreffende Gebäude nicht gefällt oder wir dessen Besonderheiten gar nicht sehen können. Das barocke Ziegelmauerwerk unter dem Verputz ist einem wurscht, da man die eigene Schau-Lust als Maßstab anlegt. Das sogenannte Schwarze Haus am Färbergraben ­ typisch für die 1960er-Jahre ­ ist einem unsympathisch, weil man ahistorisch denkt. Der Hauptbahnhof ist bloß schmuddelig, wenn man ihn oberflächlich wahrnimmt und nicht als Dokument für die 50er-Jahre. Gerade was uns zeitlich am nächsten liegt, erhält oft keine Wertschätzung. Unmerklich werden Teile des Stadt-Gedächtnisses, der Stadt-Geschichte getilgt, und wir bemerken den Wandel erst, wenn es zu spät ist: Wir leiden dann unter Amnesie ­ ohne Chance auf Heilung. Denn nur in den seltensten Fällen werden die Erinnerungs-Träger, die Gebäude, rekonstruiert. Selbst in diesem Fall besitzt man lediglich eine Prothese, nicht das Original.

Dass Ortschaften tatsächlich als historisch gewachsene Persönlichkeiten liquidiert werden können, ist vor allem auf dem Land zu beobachten. Da sind Dörfer verschwunden, nicht weil die Häuser dem Erdboden gleich gemacht wurden, sondern weil man die überkommene Substanz als etwas Lästiges vernichtet hat. Übrig geblieben sind gedächtnislose Schlafplätze ohne Identität, die genauso in Niedersachsen existieren könnten. Tracht und Volksmusik werden gepflegt und geschützt, traditionelle Gebäude zu selten ­ trotz positiver Vorbilder wie etwa die Gebrüder Well der Biermösl Blosn.

Vielleicht helfen Geburtstagsfeiern wie bei Münchens 850., dass Geschichte nicht nur als "Event" betrachtet wird, sondern als Schatz, den es zu bewahren gilt.

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