Gebt mir ein Leitbild

- "Das ist ein Heimspiel", freut sich Regisseurin Christina Paulhofer, die vor Jahren ihr Handwerk in München begonnen hat zu lernen. Seit 1995 lebt sie in Paris und hat dort eine Ausbildung als Filmemacherin absolviert. Kritisch sieht sie jedoch das französische Theater: "Ein Journalist vom ,Figaro sagte im Gespräch, das einzige Theater, das das Theater retten kann, ist das deutsche Theater."

<P>Morgen wird Paulhofer an den Münchner Kammerspielen, Neues Haus, Bernard-Marie Koltè`s' frühes Drama "Sallinger" (spielt auf den Autor J. D. Salinger an) herausbringen. Den herumgeisternden Selbstmörder Rotfuchs wird Martin Butzke spielen; seine friedhofsüchtige Witwe Carole ist Katharina Schubert, und den Schauspieler-Bruder Leslie verkörpert Paul Herwig. Christina Paulhofer reiht sich mit ihrer "Sallinger"-Inszenierung ein in die Koltè`s-Kammerspieletradition von Alexander Langs "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" oder von Christian Stückls "Roberto Zucco".</P><P>In "Sallinger" schreibt Bernard-Marie Koltè`s ein Stück, das US-amerikanische Literatur zitiert; unter anderem auch das typische Familien-Selbstzerfleischungs-Spiel, das der Lebenslügen und deren Zerfall . . .</P><P>Paulhofer: Ich liebe die hohe Poesie der Sprache, die Wärme bei Koltè`s. Diese homosexuelle Hitze habe ich bei den deutschen Regisseuren nie gefunden. Aber gerade die Leidenschaft ist mir wichtig. "Sallinger" ist eine Gratwanderung zwischen der französischen Kolonialhitze und dem jüdischen Humor des Amerikaners. Das Stück war eine Auftragsarbeit; später stand Koltè`s nicht mehr so recht dahinter, ihm war zu viel Salinger drin. Ich habe Salinger immer toll gefunden, und ich habe Koltè`s immer toll  gefunden;  aber ich will das Stück nicht genau festlegen: Welcher Krieg? Wir belassen es in einem Niemandsland. Ich will existenzielle Lebenshintergründe aufzeigen.</P><P>"Ich liebe die hohe Poesie der Sprache, die Wärme bei Koltè`s. Diese homosexuelle Hitze habe ich bei den deutschen Regisseuren nie gefunden."<BR>Christina Paulhofer</P><P>Vielleicht liegt es an der gerade schwelenden Kriegsgefahr im Irak, wenn man "Sallinger" heute als veritables Antikriegs-Stück, sogar als antiamerikanischen Text liest . . .</P><P>Paulhofer: Man liest es so. Die Inszenierung soll aber nicht platt und banal sein. Mir geht es um die Beweggründe, warum jemand sagt: Jetzt gehen wir wieder los und schießen; gebt mir ein Leitbild. Meine Generation, die Generation der 30-Jährigen, hat keine Leitbilder mehr: Schröder oder Stoiber - das ist doch im Grunde der gleiche Schmarrn. Es gibt kein klares politisches Leitbild mehr, aber die Sehnsucht danach.</P><P>Das Stück führt US-amerikanische Geschwätzigkeit vor. Wie verhindern Sie, dass die Inszenierung selbst ebenfalls geschwätzig wirkt?</P><P>Paulhofer: Wir haben natürlich in den Text eingegriffen. Sogar bei der Uraufführung wurde das Drama gekürzt. Wir haben ein Drittel gestrichen. Sobald Figuren geschwätzig sind, schau' ich nicht mehr hin. Wenn eine Figur spricht, dann aus Not! Eine Amerikaparodie wird es nicht geben.</P><P>Als Gastregisseurin müssen Sie sich einem Ensemble, der Gruppe zumindest, mit der Sie arbeiten, immer von Neuem nähern; Schwächen und Stärken der Schauspieler abtasten . . .</P><P>Paulhofer: Da bin ich genauso gespalten wie sonst auch. Einerseits denke ich, wie schön, dass ich über die Rolle Menschen kennen lernen kann; andererseits habe ich oft das Gefühl, ich kann nicht mehr von Null anfangen. Ich will nicht mehr alles von Anfang an neu erklären müssen. Es gibt die große Anstrengung, und es gibt das große Interesse. Mich reizt das seltsame Tier Mensch - wo ist das Gute, wo das Böse: Deswegen mache ich diesen Beruf.</P><P>Koltè`s war in der deutschen Theaterszene einmal Kult. Jetzt ist es um ihn stiller geworden. Wie beurteilen Sie die Bühnenmoden hierzulande?</P><P>Paulhofer: Das ist ganz schwierig. Ich lebe nicht in Deutschland, sondern seit 1995 in Paris. Koltè`s hat gesagt: Ich hasse das Theater, weil es nichts mit der Realität zu tun hat, aber ich muss immer wieder dorthin, weil es der einzige Ort ist, der nichts mit Realität zu tun hat. Dieses Paradox ist gültig. Das Theater in Frankreich ist in den 50er-Jahren stehen geblieben. Das deutsche Konzepttheater der 80er-Jahre sagt mir auch nicht zu: wenn sich die Schauspieler an die Rampe stellen und brüllen . . .</P><P>Vielleicht bin ich da konservativ, aber das interessiert mich null. Das habe ich absichtlich ausgespart. Für mich zählt die Poesie des Textes und wie die Schauspieler miteinander spielen, sich in die Augen schauen. Wichtig ist: Was ist der Text, was ist der Mensch? Und nicht diese Haltung: Ich mach' jetzt "Sara Sampson" mal ganz anders. Ob etwas angesagt ist in der Theaterszene, ist mir egal. </P><P><BR><BR> </P>

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