Geburt der tänzerischen Revolution

- "So etwas hätte es bei Martha nicht gegeben", ärgert sich die alte Dame mit Blick auf die jungen Tänzerinnen und Tänzer der Martha Graham Master Class, die sich im New Yorker Harkness Dance Center, Lexington Avenue Ecke 92. Straße, warm machen. Hier hat Martha Graham in den 30er-Jahren selbst unterrichtet. "Diese Disziplinlosigkeit, dieser Lärm, diese T-Shirts! Wenn Martha einen Saal betrat, stand die Welt still."

Gewiss, wer Martha Graham (1894-1991), die Pionierin des vom klassischen Ballett entfesselten Ausdruckstanzes, die vor 80 Jahren in New York ihre eigene Dance Company gründete, einmal erlebt hatte, wusste um die unvergleichliche Grazie, mit der sie den Körper zwischen "contraction" (Anspannung) und "release" (Entspannung) als atmenden Mittler der Seele inszenierte. In der Martha Graham Dance Company lebt sie weiter - selbst wenn man heute zum Unterricht T-Shirts trägt.

Dabei schien das Ende der Company vor einigen Jahren nahe: Nach dem Tod der Modern-Dance-Diva verlangte ihr Erbe Tantiemen für ihren Namen wie ihre Choreographien. Ein Anspruch, dem die auf Sponsoren angewiesene Company nie hätte folgen können, doch nach drei Jahren wurde die Klage abgewiesen. Nach außen hin ist von dem Kräfte und Dollars zehrenden Kampf heute nichts mehr zu spüren: Von den 181 Werken Grahams (inspiriert etwa von amerikanischer Geschichte oder griechischer Mythologie), bilden 15 das Repertoire, 50 können original rekonstruiert werden.

Auf ihrer Deutschlandtournee, der ersten seit 14 Jahren, macht die Gruppe Anfang August Station im Münchner Prinzregententheater und tanzt dort einige der bilderreichsten Schöpfungen: von "Heretic" (1929), dem Krieg einiger Frauen in Schwarz gegen eine Frau in Weiß - Graham zeigte hier die Geburt ihrer tänzerischen Revolution -, bis hin zum komödiantischen "Maple Leaf Rag" (1990).

"Der besondere Wert von Marthas Choreographien liegt in der gleichgewichtigen Verbindung des Physischen mit dem Emotionalen", schwärmt Janet Eilber, einst Graham-Schülerin und heute künstlerische Leiterin der Company. "Heb dein Gesicht, als würdest du erwarten geküsst zu werden", habe sie geraten. Oder: "Fang das Licht mit dem Wangenknochen."

"Im modernen Tanz war sie die Größte", erklärt auch Produzent Paul Szilard und klagt, heute gebe es im Tanz "nicht genug Tanz". Graham-Schüler indes sollten (und sollen) lernen, an die eigenen Grenzen zu gehen, dabei ihren Körper mit Spaß, aber auch Respekt zu behandeln und besonders: von ihrer Körpermitte aus Geschichten zu erzählen. Unter diesem poetischen Credo tanzte bei ihr ein Rudolf Nurejew oder ein Mikhail Baryshnikow, und Stars wie Madonna, Liza Minnelli oder Woody Allen nahmen bei ihr Unterricht.

"Das Streben der Company liegt darin, die Meisterwerke des Modern Dance zu bewahren", sagt Eilber. Zwar gelte es auch, für die Präsentation neue Wege zu finden - um Zuschauern den Zugang zu dem eigenwillig hemmungslosen, intensiven Körper-Seelen-Kult Grahams zu erleichtern. Doch die Botschaft ihrer Werke bleibe dabei unverändert: das Publikum ein wenig der Realität zu entrücken.

Am 1. und 2. August, 20 Uhr. Infos: 0180/ 51 52 530.

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