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Die Erben einer großen Tradition: Zum 200-jährigen Bestehen der Musikalischen Akademie dirigierte Kent Nagano das historische Gründungsprogramm.

Zum Geburtstag deftige Marschkost

München - Festkonzert im Nationaltheater: Zum 200-jährigen Bestehen der Musikalischen Akademie dirigierte Kent Nagano das historische Gründungsprogramm.

Nur Zeitgenössisches stand auf dem Programm, als am 9. Dezember 1811 das erste Konzert der Musikalischen Akademie im Münchner Redouten-Saal erklang. Beethovens „Große Simphonie“ (die zweite), Arien von Carl Maria von Weber und Peter von Winter, ein Violinkonzert von Carl Cannabich, ein Oboenkonzert von Winter, ein Duett von Ferdinando Paër und zum Abschluss kurioserweise die Ouvertüre zu „Anacréon ou l’amour fugitif“ von Luigi Cherubini, die man kurzerhand als „Schluß Simphonie“ ankündigte.

Dass sie zum festlichen Ausklang taugt, bewies das Bayerische Staatsorchester beim Festkonzert zum 200. Bestehen der Musikalischen Akademie im Nationaltheater. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano – historisch korrekt ohne Taktstock – widmete man sich diesen damals brandaktuellen Stücken und setzte ein heute zeitgenössisches Sahnehäubchen obendrauf.

Pardon: von Sahne keine Spur. Ein deftiges, bayerisches Schmankerl servierte Jörg Widmann als Auftragswerk: Sein „Bayerisch-babylonischer Marsch“ lässt Defilier- und sonstige Märsche aufblitzen, klingt witzig, schräg und frech und könnte als symphonischer Wiesn-Hit ins Repertoire eingehen. Musiker, Dirigent und Publikum hatten großen Spaß.

Beethovens Zweite ist bekannt, doch den Solistenkonzerten begegneten die Zuhörer in der dicht besetzten Staatsoper vermutlich erstmals. Konzertmeister David Schultheiß bewährte sich im häkeligen, meist in der hohen Lage angesiedelten Violin-Part Cannabichs mit feingliedrigen Läufen, derweil seine Kollegen ein duftiges Drumherum beisteuerten. Weitaus einfallsreicher wirkte dagegen das Oboenkonzert des ebenfalls aus der Mannheimer Schule stammenden Peter von Winter: Mit kniffligen Läufen und Sprüngen lieferte er Futter für den virtuosen Solo-Oboisten Giorgi Gvantseladze. Eine Musikalische Akademie – so erfuhr man vom launigen Moderator Michael Quast – war dazu da, die Zuhörer zu bilden und dem Verfall durch „Potpourris und Tiroler Lieder“ entgegenzuwirken. Dass da hübsche Arien nicht fehlen durften, versteht sich. Marlis Petersen glänzte mit geschmeidigem Sopran und vorzüglicher Textverständlichkeit. Sowohl als von Winters „Zaira“ wie auch in Paërs Duett, in dem Leonore und Florestan ihr „Schreckenslos“ besingen. Jussi Myllys, kurzfristig für Pavol Breslik eingesprungen, schlug sich wacker, auch im Alleingang als Webers „Abu Hassan“. Großer Jubel, viele Blumen.

Gabriele Luster

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