Gedanken-Sturzflüge

Martin Walsers "Das geschundene Tier": - Aus neununddreißig Balladen besteht das neue Martin-Walser-Buch "Das geschundene Tier". Behauptet jedenfalls der Buchumschlag. Kurz vor dem 80. Geburtstag (24. März) des Schriftstellers vom Bodensee, dieses allemannischen Deutschen, erscheint der Gedicht-Band; kombiniert mit den so versponnenen wie reduzierten Zeichnungen von Tochter Alissa.

In der Jubilar-CD "Unglücksglück & Das geschundene Tier" erklärt der Autor dann, was im Buch nicht erläutert wird: Natürlich seien das keine Balladen im herkömmlichen Sinn, die Gefühls-Abenteuer habe er aber doch als balladesk empfunden. Diese "Definition" ist ebenso extrem frei und weitgreifend assoziiert wie die Verse selbst. Eine Ballade als Idealmischung von Lyrischem, Dramatischem und Erzählendem ist im "Tier" absolut nicht zu entdecken. Mag dadurch der Gattungsbegriff geschunden worden sein, der Leser wird es durch die Verse nicht.

Walser kennen wir als begnadeten Fabulierer, wissen jedoch, dass all seine Romane mit auffallend vielen Sentenzen, Aphorismen, Bonmots, philosophischen Aperçus samt gewitzten Denkkapriolen durchsetzt sind. Diese Formen dürfen nun im "Geschundenen Tier" ein schönes Eigenleben führen.

Im Zentrum steht der Schmerz, den das "Ich" erleidet und besingt. Wahrheit splittert auf in Geständnis unter Folter, in lebensverlängernde, quälende Reminiszenzen ("Intenstivstation Erinnerung"), in Lügen, Rechthaben und Nicht-Rechthaben-Wollen: "Alles fälschen heißt, alles verbessern. Schreie eignen sich für Gelächter. Schmerz verdient ein Denkmal aus Speiseeis. Zungenkuß heißt Kapitalverbrechen. Wem nur die Wahrheit einfällt, der schweige. Und schämen soll er sich auch."

Auf der CD werden die unkonventionellen Gedanken-Sturzflüge ergänzt durch Gedichte aus allen Schaffensphasen von Martin Walser. Ruhig und gelassen von ihm selbst vorgetragen - sogar ein Text im allemannischen Dialekt ("Zletztschd") - und mit einigen erklärenden Hinweisen versehen.

Da ist Ernst heftig mit Vergnüglichkeit gepaart, etwa in "Großmutters Nase" oder dem "Versuch, einen Beamten zu einer gesetzeswidrigen Handlung zu überreden". Ganz Walser‘sch eben.

Martin Walser: "Das geschundene Tier". Rowohlt Verlag, Reinbek, 86 Seiten; 16,90 Euro. Martin Walser: "Unglücksglück & Das geschundene Tier". CD (Hoffmann und Campe).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare