Vom Gedanken zum Wort zur Skizze zum Bau

- "Wer nicht liebt, darf nicht bauen", schrieb der österreichische Architekt Heinz Tesar vor 43 Jahren. Und 1978 dichtete er: "Architekten nicht als individuistischen Selbstzweck (Selbstdarstellung) sondern als typologische Individualität." Dies ist auch heute noch sein besonderes, ganzheitliches Verständnis: von einer Architektur, die der Natur als harmonisierendes Molekül hinzugefügt wird durch einen Künstler, der sich diesem Auftrag unterordnet.

Im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne steht der Architekt Tesar (geboren 1939 in Innsbruck) vor den floralen Silhouetten seiner Entwürfe, vor luftigen Säulenhallen aus Beton namens "Stadtwäldchen" und unzähligen Oberlichtern, die als "Lichttrichter" Sonnenstrahlen verleiten, vor den Holzmodellen einer Siedlung auf Gran Canaria, in der sich Bungalows für 16 000 Touristen unscheinbar in ein künstliches Tal drücken.

Architektur beginnt vor der Architektur

Diese drei beeindruckenden Kapitel umfasst die glänzende Schau im Architekturmuseum: die "Praearchitektur", Gedanken-, Wort- und Zeichenspiele vorm Bau, die "KlangLichtRäume", Ausgestaltung zum individuellen Architekturensemble, und "Schichtungen - Städtebau", die behutsame Eingliederung in die Umgebung. Denn wo andere beim Stichwort Feriensiedlung hohe Zweckbauten errichten, versteckt Tesar die Fremdkörper auf erstaunliche Weise inmitten der Landschaft. "In einem Ort mit Hochhäusern einen Kirchturm zu bauen, ist absurd", sagt er. Zwar ist Tesar nicht abgeneigt, in die Höhe zu planen, doch nicht in spanischer Schönheit: "Ich möcht' nur ein Hochhaus bauen dort, wo es schon sehr viele gibt, in einem Konzert von vielen." So bleibe auch jedes seiner Gebäude letzten Endes ein Kommentar zum übergeordneten Begriff der Stadt.

Anlässlich der Geburt seines Sohnes malte Tesar in den 60er-Jahren einige Ölbilder, bunte embryonale Betrachtungen - ein archaisches Motiv, das sich in der Folge vielfach in seiner geschwungenen Architektur und den dazugehörigen Vorstudien, den "Homotypen", zeigen wird.

Im übertragenen Sinne spricht dies Motiv auch für den Künstler selbst: Heinz Tesar gebiert seine Architekturen, vom Gedanken, zum Wort, zur Skizze, zum Bau, zum Raum. Eingehend prüft er die Bestimmung des Bauwerks, den "Rauminhalt"; gern ließ er sich beim Bau seiner Kirchen von deren unterschiedlichen Religionsüberzeugungen inspirieren. "Architektur beginnt vor der Architektur", so auch der Titel der Ausstellung.

Ursprung und Ergebnis liegen bei Tesar in weiter Gedankenspanne erstaunlich nah beieinander: Man möchte meinen, der Vater der Idee zu einem "Embryomuseum" oder einem kugelförmigen "Calvario"-Sacro Monte und der des verwirklichten Lagerhausareals in St. Gallen oder des Geschäftsgebäudes gegenüber dem Dresdner Zwinger könnte nicht ein und derselbe sein. Solange, bis man etwa die Zeichnung betrachtet, in der aus einer sich überstülpenden Hand das Tonnengewölbe der Kirche in Kleinarl erwächst. "Architektur wird", schrieb Tesar einmal - dieser Architekt, der in seiner Verbindung von Rationalität und Emotion ebenso ein Architektur-Philosoph ist.

Bis 8. Januar 2006; Di-So 10-17 Uhr, Do u. Fr 10-20 Uhr. Info: 089/ 23 80 53 60. Der Katalog kostet 35 Euro.

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