Jochen Busse.

Jochen Busse: „Gedankentiefe hält nur auf“

München - Am Mittwoch feiert in München die Komödie "In jeder Beziehung" Premiere. Unsere Zeitung sprach vorab mit Hauptdarsteller Jochen Busse über Seitensprünge und seine Karriere als Lückenbüßer

Es hat schon Tradition, dass Margit Bönischs Komödie im Bayerischen Hof die Münchner Theatersaison eröffnet – und das ab Mittwoch wohl mit „busseschem“ Boulevard-Schwung. Denn für den auch noch mit 71 energiegeladen-leichthändig zwischen (Kabarett-)Bühne, Film und Fernsehen pendelnden Jochen Busse haben die Grimme-Preisträger Lars Albaum und Dietmar Jacobs die Komödie „In jeder Beziehung“ maßgeschrieben.

Ausgangspunkt: Angestiftet von zwei wilden Singles, setzt ein seit 24 Jahren verheiratetes Paar zum gemeinsam geplanten ersten Seitensprung an. Regie: Horst Johanning. „A. J. B. J.“ – ein Theater-Glückskleeblatt? Das Autoren-Duo schrieb schon für (und mit!) Jochen Busse „Einmal nicht aufgepasst“ und „Das andalusische Mirakel“.

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Beide Stücke (auch in der Bönisch-Komödie gespielt) hatte Johanning inszeniert. „Zu viert sind wir eine eigene Marke. Eine Garantie auch für die Theater“, sagt Busse pragmatisch selbstbewusst, aber ohne jegliche Prätention. „Wir haben in Deutschland ja keine guten Boulevard-Stücke. Es werden immer wieder die englischen und amerikanischen Komödien abgenudelt. Max Reinhardt spielte zwischen seinen Klassiker-Inszenierungen gezielt Possen, die aktuelle Themen aufgriffen. Damit hatte er immer volles Haus. Und genau das fehlt bei uns.“

Lachen, Tränen lachen, dazu will Busse verführen: „Gedankentiefe hält nur auf. Der Text muss direkt, leicht und witzig kommen.“ Busse, selbst Autor, weiß um Wirkung und Macht des Wortes. Und, klar, mache er Vorschläge bei der Stück-Entstehung: „An einer Stelle muss es vielleicht gerade ein bisschen sentimental werden. Oder man braucht einen guten Abgangssatz. ,Am Ende vom Stück muss man hochspielen‘, den Tipp habe ich von Karin Jacobsen, Karl Heinz Schroths dritter Frau, die übrigens alle Stücke auf ihn umschrieb.“

„Mein Anti-Aging-Programm“: Jochen Busse und Claudia Rieschel spielen im Stück „In jeder Beziehung“ ein Paar, das die Beziehung mit Seitensprüngen kitten will.

Sein Handwerk lernte der Iserlohner Fabrikantensohn Busse, seit er mit 14 im Schul-Theater sein Talent ausprobierte. Mit 19, von August Everding als Komparse an die Münchner Kammerspiele verpflichtet, wird er von Fritz Kortner ganz schön geschliffen. Erste Kabarett-Erfahrung bei den „Knallfröschen“, Engagements dann bei der Münchner Lach & Schieß und beim „Scheibenwischer“, Rollen in (TV-)Filmen, Moderation im Fernsehen und eigene Sendungen. Wollte er so viel Abwechslung?„Meine Karriere baut sich auf Lückenbüßereien auf“, Busse wieder ganz Busse. „Hat ein Schauspieler abgesagt, fiel der Regisseur aus oder hat es ein Autor nicht geschafft, bin ich eingesprungen. So habe ich meinen eigenen Ton gefunden. Im Funk sagte dann mal ein Redakteur bei der Produktion ,Kannst Du mir ein bisschen mehr Busse-Ton geben?‘“.

Der „Busse-Ton“ – trocken, schnell phrasiert, die Sprechpausen knapp, damit der Zuschauer seine grauen Zellen zu mehr Tempo anspornen muss. Und unter dem gesprochenen Text so etwas Undefinierbares schwingend – vielleicht Busses paradoxe unernste Ernsthaftigkeit. Sein Spieltrieb. Er ist direkt aus dem Bauch heraus ein Erz-Komiker. Tatsächlich war er in frühen TV-Produktionen wie in dem Dreiteiler „11 Uhr 20“ von 1970 auch als eiskalter Bösewicht eingesetzt worden. „Ach“, erinnert sich Busse, „ich war damals ein jugendlicher Horst-Frank-Ersatz. Wenn man als Bösewicht eingeführt wird und das Buch gut ist, ist das nicht so schwer zu spielen... Meine letzte ernste Rolle hatte ich 1984 in dem Film ,Die Wannseekonferenz‘. Der Regisseur sagte damals nur ,Schade, aber so was wirst du nicht mehr spielen.‘“

Daraufhin weder Herzweh noch Trauer. Busse wollte und will unterhalten. Auch in diesem Stück, in dem Leah und Paul glauben, das ehelich gediegene Sexleben durch einen Seitensprung auffrischen zu können. Gewiss sei es ein Thema, das viele Eheleute betreffe. Aber Lehren erteilen wolle man damit nicht. Da Busse kein Hehl macht aus seinen vier Ehen, die letzte 2007 geschlossen, wagt man die Frage, wie er privat zur offenen Ehe stehe.

„Ich gehöre ja zu den 68ern. Damals war für mich die freie Liebe die neue Erkenntnis. Aber ich habe auch gesehen, wie gekränkt, wie verletzt zumindest ein Partner dabei war. Ich bin immer nur in eine Person vernarrt“, gesteht Busse. „Wenn die Beziehung nicht mehr klappt, muss man sich trennen. Eine Ehe mit einem Seitensprung zu kitten, ist Unfug. Die Verletzung schleppt man doch in der Ehe mit sich, bis über den Tod.“ Und was denkt er übers Alter? „Die meisten Menschen wollen sich mit der Rente endlich ihrem Hobby widmen. Was ich mache, ist mein Hobby – und mein Anti-Aging-Programm.“

Vorstellungen ab diesem Mittwoch bis zum 3. November; Telefon 089/ 29 16 16 33.

Von Malve Gradinger

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