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1977 starb Elvis mit nur 42 Jahren. Am 8. Januar 2015 wäre er 80 Jahre alt geworden.

Gedenken zum 80.

Elvis: Vom Jungrevoluzzer zum Glitzerstar

Elvis Presley wäre am Donnerstag 80 Jahre alt geworden – Er setzte schwarze Musik durch und inspirierte eine Rock-Generation.

„Was war denn das?“, fragt der Produzent Sam Phillips. Die schüchterne Antwort von Elvis Presley: „Keine Ahnung.“ Gerade hat er sich nach einem langen erfolglosen Probentag in den Sun Studios noch einmal die Gitarre geschnappt und wie entfesselt das Blues-Stück „That’s Alright Mama“ geschmettert. Phillips und die Begleitmusiker stehen mit offenen Mündern daneben. Man schreibt den 5. Juli 1954, der Tag, der die Welt der populären Musik für immer verändern wird. Presleys Intuition ist genial: Phillips ist einer der wenigen Weißen in der Plattenindustrie, die sich für schwarze Musik interessieren, und Presley der einzige weiße Bursche weit und breit, der singen kann wie ein Schwarzer. Das Lied wird sofort aufgenommen, gepresst und zu einem befreundeten Radiomoderator gefahren. Der spielt das Lied rauf und runter, und binnen Tagen ist Elvis Presley Tagesgespräch, denn die Jugend springt wie elektrisiert auf diesen unerhörten neuen Sound an.

Der Rest ist Legende. Binnen Jahresfrist wird Elvis ein Superstar, der Teenager auf der halben Welt begeistert und deren Eltern in den Wahnsinn treibt. Denn was der Mann da macht, wird als anstößig empfunden, um das Mindeste zu sagen. Die Musik der Schwarzen gilt als primitiv, obszön und  irgendwie gefährlich. Und Elvis bringt sie jetzt in die Kinderzimmer. Eine ganze Generation von Rockstars wird von Elvis inspiriert. Sie entdecken, dass „That’s Alright Mama“ oder „Hound Dog“ im Original von schwarzen Künstlern stammen und dass es da andere Typen gibt, die so ähnliche Musik machen, Chuck Berry oder Little Richard. Die Beatles,  die Rolling Stones, die Kinks – sie alle hätte es ohne den  Initialfunken von Elvis nie gegeben.

Das Erstaunlichste daran ist selbstverständlich, dass ein 19-jähriger weißer Schlingel ein Lied wie „That’s Alright Mama“ überhaupt kennt in einer Zeit, in der die Rassentrennung strikt praktiziert wird. Besonders dort, wo Elvis am 8. Januar 1935, vor genau 80 Jahren, geboren wird: den Südstaaten der USA. Er stammt nicht etwa aus „einfachen Verhältnissen“, seine Eltern sind mittellos und müssen oft umziehen. So leben sie bald in den ärmsten Bezirken von Memphis, Tennessee. Dort wo auch die Afroamerikaner wohnen müssen. Elvis taucht in diese Welt ein. Als kleiner Junge besucht er Gottesdienste der schwarzen Gemeinde, der Gesang gefällt ihm. Als Teenager treibt er sich in den schwarzen Vergnügungsvierteln herum, in den Bars, in denen es neben billigem Fusel und leichten Mädchen immer diese mitreißende Musik gibt, die man als Weißer angeblich nicht gut finden kann. Elvis saugt das alles in sich auf und übernimmt den extravaganten Kleidercode der schwarzen Dandys: hochgetürmte Haare, knallbunte Hemden, weiße Schuhe, große, schwere Ringe – sowie den sehr körperbetonten Tanzstil, der Moralwächter zur Weißglut treibt.

Die Revolution währt nur kurz: Elvis muss 1958 zur Armee einrücken, sich die Haare schneiden lassen und brav sein. John Lennon wird später sagen, dass Elvis in Wahrheit am Tag seiner Einberufung gestorben sei, nicht erst 1977. Dank des umtriebigen Managers Tom Parker, der mit stolzen 50 Prozent an Elvis’ Einnahmen beteiligt ist, wird das Comeback als Wandlung zum reifen Entertainer verkauft. Erfolgreich: Nach der Rückkehr aus der Armee macht Elvis „erwachsene“ Musik, die ihn als Sänger eher unterfordert. Und er dreht Filme. Elvis hält sich für einen guten Schauspieler, und wenn man ihn spielen lässt, ist er es tatsächlich, etwa in dem grimmigen Western „Flaming Star“, wo er als Indianer-Halbblut brilliert. Aber meist werden bunte Musik-Filmchen abgekurbelt, weil sich die Soundtracks dazu gut verkaufen.

Elvis, der unverschämt gut aussehende Rocker mit den Gummi-Knien und dem frechem Grinsen im Gesicht, verwandelt sich schleichend in eine Karikatur seiner selbst. Aus dem immer höflichen Südstaaten-Gentleman wird eine launische Diva, abgekapselt von der echten Welt. Er ahnt es selbst und versucht mit einem legendären TV-Special 1968 den Ausbruch. Ganz in schwarzem Leder spielt er wilden Rock’n’Roll und weckt die Hoffnung auf einen zweiten Frühling. Aber es ist nur ein Zwischenspiel. In immer groteskeren Las-Vegas-Shows zelebriert er später in vogelwilden Fantasieuniformen seinen eigenen Mythos. Aus dem Revoluzzer ist eine Geldgenerierungsmaschine geworden. Fresssüchtig, unter Medikamenteneinfluss zunehmend paranoid bunkert sich Elvis in seine Villa Graceland ein und weiß nicht weiter.

Als er im August 1977 mit nur  42 Jahren tot umkippt, ist er ein 150-Kilo-Koloss, in dessen Körper Spuren von Dutzenden Medikamenten nachgewiesen werden. Dem Nachruhm schadet das nicht. Elvis Presley ist eine Marke, die heute mehr umsetzt als zu seinen Lebzeiten. Unglücklicherweise wird immer das Image des schwerfälligen Glitzerstars gepflegt – dabei war es doch der rotzige Jungrevoluzzer, der Historisches geleistet hat. Man sollte ihn so in Erinnerung behalten: jung, unkonventionell, exaltiert, unbeschwert, begeistert von seiner Musik.

Zoran Gojic

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