In Gedenken an Victor Klemperer

- VON RAFAEL SELIGMANN *) Die Modedroge unserer Zeit ist der Konferenzismus. Er soll gegen jedes Übel helfen. Also auch gegen Antisemitismus. Noch ehe das jüngste Anti-Antisemitismus-Stelldichein in Berlin stattfand, wurde bereits ein Konzil gegen Judenfeindschaft in Rom beschlossen. Daraufhin wird im spanischen Cordoba ein weiterer Kongress zusammentreten. Dabei wird wie zuvor und danach die Judenfeindschaft in flammenden Appellen mit harschen Worten verurteilt werden. Sie werden so wenig helfen, wie Antiraucher-Kampagnen.

<P>Den wohlmeinenden Deklarationen zum Trotz nimmt der Antisemitismus weltweit zu. In Deutschland erhöhte sich im vergangenen Jahr die Zahl antisemitischer Gewalttaten von 28 auf 35. In Frankreich ereigneten sich knapp zehnmal so viele antijüdische Vergehen. Dabei waren die Gewalttäter, ähnlich wie in Deutschland, überwiegend verhetzte moslemische Jugendliche.</P><P>"Jugendlicher Idealismus und die Besinnung auf Menschenwürde sind die wirksamsten Mittel gegen Antisemitismus."<BR>Rafael Seligmann<BR> <BR>Straftaten sind jedoch nur ein Nebenaspekt eines allgemeinen antisemitischen Trends. So glaubt die Mehrheit in Europa, dass "die" Juden vom Holocaust profitierten und die Hebräer zu viel Macht besäßen. Bemerkenswert ist die Variationsbreite des Antisemitismus. Juden werden wegen ihrer Religion, ihrer vermeintlichen Rasse, ihrer sozialen Stellung, ihrer angeblichen zionistischen, kommunistischen, kapitalistischen Einstellung angefeindet.</P><P>Die vielfältigen Erscheinungsformen des Antisemitismus begründete der französische Philosoph Jean-Paul Sartre (1905-1980) mit Minderwertigkeitsgefühlen und Hass. "Wenn es die Juden nicht gäbe, müsste der Antisemit sie erfinden", schrieb er in seinem Essay "Betrachtungen zur Judenfrage". Das Verständnis von Antisemitismus als psychologisch-soziales Ursachenbündel verdeutlicht, warum eindimensionale Bekundungen von Antisemitismuskonferenzen so wenig Wirkung zeigen wie Warnungen vor dem Rauchen. Judenfeindschaft wiederum tritt fast ausschließlich im Zusammenhang mit anderen Hassobjekten auf. Antisemiten verachten auch Ausländer, Behinderte, Homosexuelle, kurz: Minderheiten und Schwache.</P><P>Diese Einsicht war vor vier Jahren Grundlage des "Bündnisses für Demokratie und Toleranz". Die Vereinigung wird vom Bundesinnenministerium, dem ZDF und der Dresdner Bank unterstützt.</P><P>Um junge Menschen zur aktiven Bekämpfung von Vorurteilen zu motivieren, wurde der Victor-Klemperer-Preis ausgelobt. Wie sein Namensgeber, der famose Tagebuchschreiber und Chronist der Naziherrschaft aus Dresden, sollen die Teilnehmer Unrecht dokumentieren und sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Die Initiatoren wissen, dass eine Immunisierung gegen Vorurteile bei Jugendlichen am wirksamsten ist.</P><P>Wirtschaft und Medien bekennen sich zu ihrer Verantwortung: "Unternehmen müssen sich im eigenen Haus und in der Gesellschaft offensiv für Toleranz und gegen Vorurteile einsetzten", begründet der Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter das Engagement seiner Firma. Das Engagement von Politik, Wirtschaft und Presse hat Erfolg. Weit über 50 000 Jugendliche aus ganz Deutschland beteiligten sich bislang am Victor-Klemperer-Wettbewerb und machten ihn zu einem der erfolgreichsten Jugendausschreibungen. Die Teilnehmer treten für Menschen- und Minderheitenrechte ein und helfen, wem sie können: Armen, Alten, Behinderten, Fremden, Juden, Sinti und Roma.</P><P>Morgen werden in Berlin die diesjährigen Preise verliehen. Jugendlicher Idealismus und die Besinnung auf Menschenwürde sind die wirksamsten Mittel gegen Vorurteile - einschließlich Antisemitismus.<BR> <BR>Rafael Seligmann liest heute, 26. Mai 2004, um 20 Uhr in der Münchner Seidlvilla aus seinem neuen Buch "Hitler. Die Deutschen und ihr Führer". <BR>Die Diskussion moderiert Sabine Dultz, Feuilleton-Chefin dieser Zeitung.</P><P><BR>*) Der Autor ist Schriftsteller und Essayist und lebt in Berlin.</P>

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