Im Gedicht versteckt

- Luftwesen haben sie ihn genannt und Windhund, mit Brentano haben sie ihn verglichen und mit Brecht, als Poet des Zorns haben sie ihn bezeichnet und als polyglotten Gelehrten: Es gibt wohl kaum einen Literaten, an dem sich die deutschen Feuilletonisten und Dichterkollegen so abgearbeitet haben wie an Hans Magnus Enzensberger, der morgen seinen 75. Geburtstag feiert. Und doch lässt sich keiner so wenig fassen wie er, der Lyriker, Essayist und Herausgeber, der dem Zeitgeist immer einen Tick voraus war und in ironischer Distanz zum Kulturbetrieb die Medienmaschine doch virtuos zu bedienen weiß. Von Anfang an ist er immer früher dran als die anderen.

<P>Als Deutschland nach dem Krieg seine Wunden leckt, treibt den jungen Mann schon das intellektuelle Fernweh. 1929 als Sohn eines Reichspost-Ingenieurs in das katholische Kleinbürgertum Kaufbeurens hineingeboren, stand er die Nazizeit als unwilliger Pimpf in Nürnberg durch. Jetzt ist er einer der ersten, der reist, der zum Auslandsstudium von Erlangen an die Sorbonne nach Paris geht. In Frankreich gefallen ihm Poeten, die zu Hause noch keiner kennt: Paul Eluard zum Beispiel oder André´ Breton. Ein Jahrzehnt später wird Enzensberger sie in seinem "Museum der modernen Poesie" zusammen mit vielen anderen internationalen Lyrikern dem deutschen Publikum präsentieren. "Gedichte müssen schön sein", findet er und hat von der Überzeugung, dass Lyrik Vergnügen bereiten muss, nie abgelassen. <BR><BR>Politisches Engagement und Schönheit schließen sich für Enzensberger nicht aus: Als er 1957 bei Suhrkamp seinen ersten Band "verteidigung der wölfe" veröffentlicht und gegen die verlogene Ruhe im Nachkriegsdeutschland anschreibt, gilt er als einer, der Polemik und die Errungenschaften der lyrischen Moderne zusammenbringt. Diesen Glauben an die Macht der Worte hat er bis heute nicht verloren, auch wenn er ein wenig kokett rät: "lies keine oden, mein sohn / lies die fahrpläne". Und als sein Alias Andreas Thalmayr ein Gedichtebuch für junge Leute rotzig betitelt: "Lyrik nervt". "Die Sachen werden immer dann interessanter, wenn man etwas macht, was man noch nicht vollständig beherrscht" - vielleicht ist das das Geheimnis des Hans Magnus Enzensberger.<BR><BR>Schließlich gibt es fast nichts, was er in seinem Leben nicht getan hätte: Er arbeitete als Radioessayist bei Alfred Andersch in Stuttgart, attackierte die Sprache des "Spiegel" und die Berichterstattung der AZ, sammelte Kinderreime, deren "archaischen Humor" er liebt, trat als Star der Gruppe 47 auf, war Lektor bei Suhrkamp, analysierte Versandhauskataloge und gründete 1965 die legendäre Zeitschrift Kursbuch, als es noch wenig linke Öffentlichkeit in Deutschland gab. Ein intellektueller Blitzewerfer ist er, der Seelenzustände der Republik schlaglichtartig beleuchtet.<BR><BR>Die Frechheit und den Biss des jungen Rebellen hat sich Enzensberger bis heute bewahrt, ein bisschen milder ist er trotzdem geworden. In seinen jüngeren Gedichten treten schon mal Engel auf, die den Menschen über seine Entbehrlichkeit in Kenntnis setzen; und Wolken, die "flüchtigsten aller Meisterwerke", bieten Gegenbilder zum Menschengetöse.<BR><BR>Mit der Edition dreier Werke von Alexander von Humboldt in seiner "Anderen Bibliothek" hat Enzensberger jedoch wieder einmal gezeigt, was für ein Trendsetter er nach wie vor ist: Er hat es geschafft, ganz Deutschland ins Humboldt-Fieber zu versetzen. Nun, zu seinem 75. Geburtstag, wird wieder viel über das Phänomen Enzensberger geschrieben. Zu fassen kriegt man das Luftwesen, den Windhund, wohl trotzdem nicht. Finden kann man den Dichter nur im Gedicht: "Ja, meine Lieben /mein Gedicht ist mein Versteck."<BR><BR></P><P> </P>

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