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„Ich wollte ein stimmiges Bayern-Bild zeichnen“: Anton Leitner mit seiner Gedicht-Sammlung. foto: dpa

Gedichte so deftig und derb wie Bayern

München - Diese Poesie spielt sich zwischen Isar 1 und Ludwig II. ab: Anton Leitner hat 99 bayerische Gedichte gesammelt. Ob Mundart oder nicht, in ihnen spiegelt sich die Seele Bayerns wider.

Es war Mitte der Achtzigerjahre, als Anton Leitner ein Zitat entdeckte, das ihn nicht mehr loslassen sollte: „Ois is easy“, verkündete ein Autohaus-Chef damals im Interview mit einer großen deutschen Tageszeitung. „Ois is easy“ nannte Leitner Jahrzehnte später auch seine Anthologie mit bayerischen Gedichten, die er im Münchner Sankt Michaelsbund Verlag herausgegeben hat.

„Ich habe mir Vielseitigkeit erhofft, aber meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen“, erzählt der examinierte Jurist begeistert und erklärt, wie bayerische Lyrik sein kann: erotisch, moralisch, unterhaltend. „Vor allem aber ist sie deftig und derb“, sagt Leitner - so wie der Freistaat. „Ich wollte ein stimmiges Bayern-Bild zeichnen“, berichtet der 49-Jährige über die fast zweijährige Suche nach den richtigen Texten. Insgesamt 99 Stücke von fast 60 Autoren hat Leitner in diesem Zeitraum gesammelt. Talentierte Nachwuchsschreiber reihen sich ein in die Liste mit Größen wie Hans Magnus Enzensberger, Friedrich Ani oder Gert Heidenreich. Einzige Voraussetzung: Die Autoren müssen in Bayern geboren sein oder einige Jahre hier gelebt haben. „Es gab keine Scheu vor großen und kleinen Namen“, ergänzt Verleger Erich Jooß. Die einzelnen Kapitel spielen mit bayerischen Stereotypen und Klischees. König Ludwig, die Städte des Freistaats oder der FC Bayern - alle gängigen Motive sind vertreten. Auch das Kernkraftwerk Isar 1 oder Bundesstraßen werden von den Autoren aufgearbeitet. Gegensätze hat Leitner darstellen wollen. Hier das malerische, ländliche Bayern, dort der post-industrielle Freistaat. Auf der einen Seite der deftig-renitente Ton, auf der anderen eine fast kirchliche Ruhe.

Warum aber bewegt gerade die bayerische Lyrik die Menschen in diesem Maß? Manches könne auf Hochdeutsch einfach nicht passend wiedergegeben werden, erklärt Ludwig Zehetner, Honorarprofessor für bairische Dialektologie an der Universität Regensburg. „Der viel strapazierte Begriff der Heimat ist für die meisten Menschen noch immer an die Mundart gekoppelt.“ „Es müssen alle Facetten durchkommen“, sagt Leitner - wie bei „Ois is easy“: Das Werk solle zeigen, dass eben nicht immer alles leicht ist. „Ironischerweise hat das auch das namensgebende Autohaus erfahren müssen“, merkt der Herausgeber an. Es musste in der Wirtschaftskrise Insolvenz anmelden.

Tobias Brunner

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