Die Gefährtin des Vaters

- Es ist ein säkularisiertes Magnificat, ein Lobet-den-Herrn ohne Adressaten, das Amos Oz anstimmt in seinem neuen Roman. Nicht einmal das Meer ist es, das er in "Allein das Meer" besingt. Denn selbst das, obwohl er es in vielen Szenen ausdrücklich beschreibt und in anderen nur im wiegenden Rhythmus der Sprache fühlbar werden lässt, ist nicht mehr unberührt: "Glatt, kühl, dunkel glänzend, ein Meer wie das schwarze gläserne Namensschild einer angesehenen Firma, mit einem goldenen Schriftzug, ein teures, hochglanzpoliertes Meer, Laufende Liquidationen GmbH."

<P>Sein "Magnificat" gilt, wie das gleichnamige Romankapitel, einer merkwürdigen Gemeinschaft, bestehend aus den Figuren seines Romans. Einige von ihnen sind längst gestorben, sind sich niemals begegnet. Und in diesem Kapitel treffen sie zusammen, bestellen einen Garten, arbeiten in einer Form vom Kibbuz, stellen vielleicht einen Garten Eden wieder her, nur für kurze Zeit. Solange es die Fantasie ihres Erzählers zulässt. Und die erlaubt Vieles, Überraschendes, kaum Mögliches.<BR><BR>Sogar in der Form dieses Romans schlägt sich das nieder: Es ist ein lyrischer Roman, ein Prosagedicht, aber kein Epos, dazu entbehrt das Buch der epischen Breite und der Gleichförmigkeit. Es handelt sich ganz schlicht um eine unregelmäßige Abfolge von Prosa- und Vers-Passagen, deren poetische Kraft und Vielfalt Frank Heibert faszinierend ins Deutsche übertragen hat und die zusammengesetzt ein Ganzes bilden mit vielen offenen Stellen, rätselhaften Perspektiven, nicht fortgesetzten Verästelungen: eine Art Fragment, zusammengehalten durch eine Gemeinsamkeit der Figuren - den Verlust, wahlweise das Entbehren.<BR><BR>Nadia ist nach einer Krebserkrankung gestorben. Ihr Mann, der alte Steuerberater, der in Bat Jam nahe Tel Aviv lebt, vergräbt sich hinter seinem Schreibtisch. Sein Sohn zieht es vor, auf einem einsamen Tripp im Himalaya zu trauern. Zurück lässt er seine Freundin Dita, die zur zärtlichen Gefährtin seines Vaters wird. Dessen gute Freundin Bettine, die selbst noch am Tod ihres Mannes trägt, sieht das mit vorsichtiger Eifersucht. Aber Dita ist so unkompliziert und beständig, so präsent, unprätentiös und kraftvoll wie, ja vielleicht allein das Meer. Sie bekommt jedenfalls von ihrem Liebhaber, einem Freund ihres Freundes, das Geld für die Verfilmung ihres Drehbuchs, von Albert die juristische Unterstützung und im Produzenten Dombrov einen schmachtenden Verehrer.<BR><BR>So wenig geradlinig dieses Beziehungsgeflecht, so unchronologisch und wenig auf Stringenz bedacht die Erzählweise. Da gibt es Momente, in denen die noch lebende Nadia an ihr Ende denkt. Rückblicke auf ihre Jugend. Gleichnishafte Erzählungen vom Opern-fanatischen Schreiner, der sich tötet, obwohl er so sehr mit dem Leben im Reinen zu sein scheint, und vom Handelsreisenden zwischen Russland und China, der mitten auf der Strecke stirbt. Es gibt außerdem, wie aus heiterem Himmel, kleine Reflexionen des Erzählers, nicht allein über das Meer, sondern auch über Politik und die Welt.<BR><BR>Und zunehmend mischt er sich ein: Erst nur erzählt er von seinem Schaffensprozess, dann wird er zur Figur seines eigenen Schreibens, unterhält sich mit Dita und Bettine. Im gleichen Maße, wie er, der sich fiktionaler Erzähler nennt und mit Lust an der Vielheit aufspaltet in "der gemeinte Autor", "der Frühaufsteher-Schriftsteller" und "ich", in seine Geschichte hinein wächst, im gleichen Maße überlässt er seine Figuren sich selbst oder geht in ihnen auf. Es ist sein eigener, früher Verlust der Mutter, der sich in all den Facetten widerspiegelt. Die sind jeweils zu lesen, wie ein Gedicht: Immer wieder ergeben sie, einzeln oder zusammen, einen neuen, niemals zu Ende gedeuteten Sinn.<BR></P><P>Amos Oz: "Allein das Meer". Aus dem Englischen von Frank Heibert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 190 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P><P>Der Autor liest an diesem Sonntag um 16 Uhr im Münchner Literaturhaus, Telefon 089/ 280 01 35.<BR></P>

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