Gefangen im Zelt

- Münchens Dance-Finale 2004 so aufregend, wie man es sich wünscht - weltoffen, politisch und zugleich Investition in die Kreativität der eigenen Künstler. Zweimal denn auch einhelliger Jubel: im Theater im Haus der Kunst für "Briefe aus Zeltland", das Helena Waldmann in Teheran - trotz staatlichem Wach-Auge - höchst eindrucksvoll mit sieben Iranerinnen erarbeitet hat. In der Muffathalle für die Uraufführung von "Traumtext" der Münchner Komponistin Helga Pogatschar. Gelungen ist ihr die geradezu nach Förderung rufende rare Gattung Tanzoper zu Heiner Müllers "Traumtext", Todesvision, geschrieben 1995, kurz bevor er starb. Pogatschar fasst die Alptraumhaftigkeit des Textes mit Cello, Schlagwerk, vor allem mit großem, archaischem, auch in den Raum hinein bewegtem Chor.

<P>In diese mächtige vokale Bedrohung, überhöht noch durch elektroakustische Geräuschlawinen, setzt der Tänzer Cesc Gelabert seine asketische Silhouette, gestaltet den aus dem Off gesprochenen Text im hochkonzentrierten Gestus eines neo-expressionistischen Meisters. Etwas kürzer hätte dieses in modernistischem Duktus durchkomponierte Werk noch mehr Wirkung. </P><P>"Briefe aus Teheran" titelte Waldmann ursprünglich. Die kurzfristige Änderung: Indiz für ihr Lavierenmüssen zwischen unverhofft neuen Vorschriften. Aber "Zeltland" passt ja noch besser, weil das Wort "Tschador" diese Frauentotalverhüllung meint wie auch das zum iranischen Alltag gehörende Zelt - als Info-Kiosk, Strandkorb, Teppich-Bazar und Erdbeben-Notbehausung, wie die Groß-Dias zeigen. Hier nun die Frauen, jede in ihrem Reißverschluss-Zelt, wie sie im Weg- und Eingesperrtsein - trotz Tanzverbot und anderer Einschränkungen - dennoch kämpferisch und erfinderisch eine Freiheit finden. Zu wilden kriegerischen Musiken, übergossen von projizierten arabischen Schriftzeichen, tanzt hier ein halbes Dutzend dieser birnenförmigen Stoff-Iglus in Reihen, Kreisen und Purzelbäumen wie ein abstrakt-menschloses Ballett. <BR><BR>Durch die Gaze der hochgezogen Zeltluke schauen traurig-ernste Frauengesichter, wenden sich einmal auch ans Publikum: "Wir können zwar nicht heraus zu Euch, aber wir können die Zelt-Farbe wechseln und haben dabei das Privileg, nicht erkannt zu werden." So hintersinnig "positiv" zu formulieren lernt man eben im Zelt-Korsett. Diese Voraufführung hat 2005 beim Teheran Theaterfestival Premiere. Ob sie etwas bewegt?<BR><BR></P>

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