Gefolgschaft in den Tod

München - Wie auf einem gläsernen Sarg liegt er mit angewinkelten Beinen auf dem bläulich schimmernden Eisblock: ein Mann zwischen 40 und 50 Jahren; seine Haut scheinbar aus Leder, die Zähne gefletscht, das lange Blondhaar zu Zöpfen geflochten, die Schultern tätowiert. Eine Mumie aus dem 4.-3. Jahrhundert v. Chr. Ein Krieger der Skythen, bestattet in einem der Grabhügel (Kurgane) im Tal der Könige des Ataj-Gebirges.

Eine Figur voller Geheimnis, präsentiert in der Mitte eines eigens gekühlten Raumes. In Vitrinen Kleidung und Schmuck des Mannes. Mag dieser Raum der spektakulärste der Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo Kulturstiftung sein, das Attraktivste dieser Exposition ist zweifellos das Gold.

"Im Zeichen des Goldenen Greifen - Königsgräber der Skythen" ist eine insgesamt sensationelle Schau, die nach ihrer ersten Station Berlin ab heute in München zu sehen ist. Auch hier basiert sie auf den archäologischen Arbeiten Hermann Parzingers, der 2001 an der Grenze zur Mongolei ein noch vollständiges skythisches Königsgrab entdeckt hat, sowie Wilfried Menghins vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte.

Was die sehr gut präsentierte Schau mit ihren 6000 Exponaten so bedeutsam macht, ist die Tatsache, dass sie auf Grund der aktuellen Funde einen neuen Blick wirft auf diese alte Kultur. Sie wird hier nicht unter einem Einzelaspekt dargestellt, sondern in einem großen, mehrere Jahrhunderte umfassenden, geografischen Bogen. Die Wanderung der ersten Reiternomaden vollzieht sich in dem Zeitraum des 9. bis zum 2. Jarhundert v. Chr. Ausgehend von der eurasischen Steppe ganz im Osten über Südsibirien, Kasachstan, die ukrainische Steppenzone stießen sie immer weiter vor in Richtung Westen - bis zum Karpatenbecken, zur Donau, nach Siebenbürgen und Schlesien, dessen Goldfund von Vettersfelde in der Ausstellung zu bestaunen ist.

Wenn's auch keine Zeugnisse von Schrift gibt, so waren diese Skythen dennoch ein sehr hochentwickeltes Volk. Davon erzählt der sagenhafte Goldschmuck - Miniskulpturen von Panthern, Hirschen, Löwen, Elefanten, aus Gold gestanzte und ziselierte Beschläge für Schwerter, Schilde, Peitschen und Pferde, Trinkhörner, Gürtel und unendlich viele, paillettenartige kleine Plättchen.

Wie die Skythen lebten, das erschließt sich allein daraus, wie sie starben. Denn all die aus der ganzen Welt zusammengetragenen Exponate stammen aus den Totenhügeln der Skythen. Starb ein Fürst oder König, wurde nicht nur er begraben. Seine gesamte Gefolgschaft sowie seine Pferde mussten den Verstorbenen ins Jenseits begleiten. So entdeckten die Archäologen auch elf Pferdegräber mit insgesamt 160 Tieren. Großfotos dokumentieren die beeindruckenden Funde. In den Schaukästen sind dazu die goldenen Schmuckbleche für Mähne und Schweif, das goldene Zaumzeug und der Sattelschmuck ausgestellt.

Die Figurinen eines skythischen Fürstenpaares sowie der Goldene Mann von Issyk, natürlich rekonstruiert, geben Aufschluss über die Kleidung. Originalreste gewebter Ware lassen Rückschlüsse zu auf die damals bevorzugten Farben: erdige Braun-, Beige- und Rottöne. So weit weg, wie man zunächst annimmt, ist diese Kultur des Reitervolks uns nicht. Zwar sind, wie Archäologe Parzinger sagt, die Skythen etwas ganz Spezielles, aber ihr Einfluss auf unsere Welt ist in dieser vortrefflichen Ausstellung doch nicht zu übersehen.

Bis 20. Januar 2008:

Täglich 10-20 Uhr; Infos: 089/ 378 281-62. Katalog (Prestel Verlag): 25 Euro.

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