Gefräßige Ohrwürmer

- Verschießt der jetzt sein Pulver schon am Anfang? Das fragt man sich, als Rainhard Fendrich nach einer Viertelstunde seines Konzerts in der Münchner Olympiahalle mit "Strada del Sole", "Schickeria" und "Zweierbeziehung" gleich drei alte Gassenhauer zum Besten gegeben hat. Man neigt dazu, diese 25-jährige Karriere, überhaupt Fendrichs 51 Lenze aus den Augen zu verlieren, wenn man den ewig jungen Charmespender in legerem Hemd, Jeans und Sporttretern auf der Bühne stehen sieht.

Irgendwann freilich petzt die Erkenntnis, dass man selbst ja ganz schön alt geworden ist, seit man die Schlager zum ersten Mal hörte. Dem Stenz da vorne hätte man's nicht angemerkt. Der schaut nicht zurück und verortet sich mit seinem facettenreichen neuen Album im "Hier + Jetzt". Zu den klassischen österreichischen Liedermachern habe er eh nie so richtig gehört, behauptet er kokett. "Man sagte mir, mir fehle die intellektuelle Schärfe, um die Probleme der Zeit aufs Korn zu nehmen." Dabei gehört es doch zu seinen Talenten, große und kleine Dummheiten in satirische Spottverse zu kleiden und daraus gefräßige kleine Ohrwürmer zu machen.

Davon gibt es auch auf der neuen CD einige - "VIP" etwa oder "Sexy Hexi". Die fünfköpfige Band spielt sie routiniert, ohne Allüren, genau wie ihr Chef, der immer dann am besten ist, wenn er ironische Distanz wahrt. Das funktioniert sogar bei politischen Songs wie "Brüssel" oder dem famos auf US-Präsident Bush umgedichteten "Tango Corrupti". Doch wehe, wenn Fendrich es ernst meint. Dann geraten ihm Appelle wie "Nimm mir einfach nur die Angst", das er im Duett mit Lebensgefährtin Ina Nadine Wagler singt, zum pathetischen Schwulst. Der größte Durchhänger ist allerdings nach wie vor "Die Helden von Berlin": Es klingt so, wie es sich liest.

Doch gottlob ist danach das Pulver noch nicht alle. Mit "Midlife Crisis" und "Es lebe der Sport" entschädigt der Charmeur für vieles. Es gilt eben, stets die positiven Aspekte zu sehen - wie Fendrich selbst: "Mozart würde sich im Grab umdrehen. Aber dann liegt er nach den Jubiläumsfeierlichkeiten ja wenigstens wieder richtig herum."

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