Gefrierende Wörter

- "Ich habe in früher Kindheit gelernt, dass ich meiner Heimat am besten diene, wenn ich Zwangsarbeit leiste und mich danach ausrotten lasse." Wenn der Schriftsteller Imre Kertész von der eigenen Geschichte spricht, gefrieren ihm häufig die Wörter zu solch eiskalten Sätzen. Es ist jener "aufgenötigte und beschämende Prozess des Überlebens", der ihm, dem ehemaligen Häftling des KZ Buchenwald, keine Ruhe lässt.

<P>Nicht gedenken, sondern nach vorne blicken<BR><BR>Weil er mit einem seltsamen Gefühl der Schuld verbunden  ist, weil  die  Frage nach dem Warum nicht beantwortet werden kann. Des Überlebenden "Dasein ist eine Panne, ein purer Zufall, der ständiger Rechtfertigung bedarf, obgleich er tatsächlich nicht zu rechtfertigen ist". Den gelben Stern wird man nicht los.<BR><BR>2002 bekam Imre Kertész den Nobelpreis für Literatur, die von ihm in Stockholm gehaltene Rede beschließt den Band seiner Essays und Vorträge "Die exilierte Sprache". Wenn der Holocaust darin als vordringliches Thema erscheint, so ist dies nicht Gedenken, sondern stets Blick nach vorne. "Über Auschwitz nachdenkend, denke ich vielleicht paradoxerweise eher über die Zukunft als über die Vergangenheit nach." Erinnerungsfeierlichkeiten erlebt er oft als "institutionalisiertes Vergessen", angewidert wendet er sich ab von der gekünstelten Empörung, von "Holocaust-Konsum" und "dinosaurierhaftem Spielberg-Kitsch".<BR><BR>Auschwitz war ihm nie Vergangenheit, auch deshalb sind Kertész' Analysen so bestechend aktuell. Im Januar 2001, viele Monate vor dem Zusammenbruch der westlichen Sicherheit in Form des World Trade Center, schrieb er: "In unseren ungläubigen Zeiten sind biblische Kriege im Gange, Kriege zwischen ,Gut und ,Böse." </P><P>Weil er nirgends jemals zuhause war, weil er nie eine Sprache sein Eigen nennen konnte, weil der Holocaust die Wörter alle entleert hat durch die Rede von "Arbeit macht frei" und der "Endlösung", wurde er zu einem Kämpfer für Europa, der kulturelle Werte schöpfen will aus der Erfahrung Auschwitz. Der die Sprache des Künstlers gegen die von Ideologien des Kapitals infizierte setzen will.<BR><BR>"Wie wenig da gediehen ist, zeigt die nun schon fast zehn Jahre andauernde, besorgte Herumrechnerei, wie viel die Europäische Gemeinschaft eine Osterweiterung kosten würde, was zwar von nüchternem Verstand, aber von verkalkten Gefäßen und einem steinharten Herzen zeugt."Katrin Schuster</P><P>Imre Kertész: "Die exilierte Sprache. Essays und Reden". <BR>Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. <BR>260 Seiten, <BR>19,90 Euro.</P>

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