Von Gefühl und Geist keine Ahnung

- Für den Bayerischen Rundfunk mit Intendant Thomas Gruber an der Spitze mag das Münchner Rundfunkorchester bald Geschichte sein, für viele Künstler ist es das allerdings nicht. In die Diskussion um die Auflösung des Ensembles haben sich nun auch Edita Gruberova und ihr Lebenspartner Friedrich Haider eingeschaltet. Die Primadonna assoluta unserer Tage steht am kommenden Sonntag im Mittelpunkt einer - bereits ausverkauften - konzertanten Aufführung von Bellinis Oper "Beatrice di Tenda", Haider dirigiert das Rundfunkorchester (Philharmonie, 19 Uhr, Live-Übertragung auf Bayern 4).

<P>Was sagen Sie zur Auflösung des Orchesters?</P><P>Gruberova: Es ist unglaublich und eine Schande. Ich bin empört und tief erschüttert. Ich kenne das Orchester von vielen gemeinsamen Projekten, die Musiker spielen hervorragend, gehen wunderbar auf die Sänger ein, phrasieren selbstständig, das kommt bei vielen anderen Orchestern nicht vor. Außerdem hat das Rundfunkorchester ein großes Publikum: So was kann man doch nicht einfach wegschmeißen. Heute also die Orchester streichen, morgen den Chor, am Ende bleiben die Intendanten. Vivat, Intendanten! Sollen sie bleiben. Nur von Gefühl und Geist haben sie keine Ahnung.</P><P>Und wie fühlt sich ein Dirigent, wenn er vor einem Orchester steht, dass gestrichen werden soll?</P><P>Haider: Ich bin erstaunt, wie motiviert das Orchester ist trotz dieser furchtbaren Entwicklung. Mir wurde erzählt, dass sich noch niemand von den Schuldigen vor dem Ensemble gezeigt hat. Herr Gruber wäre schon eine Persönlichkeit, wenn er vors Rundfunkorchester tritt und sich erklärt. Und wenn das alles auf irgendwelchen Vorgaben der Politik basiert, dann denke ich mir: Die Politiker sollten die Ersten sein, die wissen, dass Kulturlosigkeit auch zur Unmenschlichkeit führt. Das Ganze kommt mir vor wie eine große Oper - aber mit einem ziemlich schlechten Libretto. Ich gehöre noch zu einer Generation, in der zu Hause viel musiziert wurde. Man kann in den meisten Menschen so etwas wecken, Künste hat jeder irgendwie in sich.</P><P>Wie ordnen Sie das Rundfunkorchester ein?</P><P>Haider: Es ist hier zusammen mit dem Staatsorchester eindeutig das beste Opernorchester aufgrund seiner hohen Flexibilität. Ich habe die besten Ensembles erlebt, wie sie bei Belcanto kläglich zugrunde gehen. Belcanto-Opern sind furchtbar schwer, weil sie so leicht erscheinen.<BR>Der BR zeigte sich beleidigt, als kürzlich Dirigent John Fiore in einem Konzert gegen den Beschluss Stellung nahm.</P><P>Gruberova: Das sind ganz schlimme Methoden, da kriege ich's mit der Angst zu tun. Wo leben wir denn eigentlich? Ich muss doch sagen dürfen, was ich denke. Noch dazu, wenn ich anderen Künstlern helfen will.</P><P>Sehen Sie solche Beschlüsse als Teil einer unheilvollen Entwicklung?</P><P>Gruberova: Absolut. Es ist eine sehr gefährliche Situation. Es geht um unsere kulturelle Identität. Dann bauen wir halt nur noch Stadien oder setzen die Kinder vor die Glotze. Sollen wir am Ende alle wie verstümmelte Leichen herumlaufen? Wenn das Kultur ist, na danke. Es kann doch nicht sein, dass alles davon abhängt, ob man 30 Cent Rundfunkgebühr pro Monat mehr zahlt oder nicht. Die Leute wären doch bestimmt dazu bereit, weil ein wichtiger Teil ihres Umfeldes erhalten wird.</P><P>Haben Sie also noch Hoffnung fürs Rundfunkorchester?</P><P>Gruberova: Ich bin bereit, in erster Linie derer zu marschieren, die für einen Erhalt kämpfen. Es geht ja nicht nur um die Kunst, sondern auch um Musikerinnen und Musiker, die hier jahrelang arbeiten. Die Familie haben und sie versorgen müssen. Ich bitte daher Herrn Gruber: Nehmen Sie Ihre Entscheidung zurück, Sie brauchen sich auch nicht dafür zu schämen. Aber einem blühenden Baum die Äste abzuschlagen, auf diese Idee kommt doch eigentlich keiner, oder?</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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