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Bellinis Norma als Verletzbare und Verletzte: Cecilia Bartoli in der Inszenierung von Moshe Leiser und Patrice Caurier, die jetzt bei den Salzburger Pfingstfestspielen herausgekommen ist und im Sommer wiederaufgenommen wird.

Cecilia Bartolis „Norma“: Gefühle statt Pathos

Für sie ist es ein Grenzgang, fürs Publikum ein ungewohnter Höreindruck: Mit Standing Ovations ist bei den Salzburger Pfingstfestspielen Cecilia Bartolis erste szenische „Norma“ gefeiert worden.

Ein Aufsehen erregendes, nicht unproblematisches Debüt.

Ein Gespenst geht um, eine Untote des Klangs. Und fast scheint es, als ob das, was Nonplusultra war, jetzt der Teufelinaustreibung bedarf. Die Callas, einst Maß aller Normas und Götzin der Belcanto-Verweser, trägt nun den Stempel: zu dramatisch, zu veristisch. Zumindest aus Sicht derer, die wie Cecilia Bartoli als Stimmkonfektionsgröße S, allenfalls M mitbringen.

Die Bartoli, von Rossini kommend, hat ja viele Argumente für sich. Wo sich andere expressiv plustern, bringt sie, wie nun im Salzburger Haus für Mozart zu erleben, Zwischentöne, Nuancen, delikate Farbverschiebungen. Bellinis Norma als Werk einer Feinmechanikerin, keiner Grobmotorikerin, das ist durchaus verführerisch.

Ausprobiert hat die Römerin die Grenzpartie vor einiger Zeit konzertant, eine CD mit der Salzburger Besetzung wurde gerade und kassenträchtig herausgebracht. Und tatsächlich ist vieles ein Gewinn. Die perfekte Stimmkontrolle bis in den mikrokosmischen Bereich hinein, die schlackenlosen Verzierungen und Schwelltöne, die wie selbstvergessene, intime und doch so bewusste Linienzeichnung, das hat sie vielen anderen Normas voraus.

Diese Titelheldin ist, unterstützt vom Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier, keine Göttin, keine Führerin eines unterdrückten Volks, vielmehr eine verletzbare und verletzte, zu Tode verzweifelte Frau. Und dass Norma am Ende nicht freiwillig auf den Scheiterhaufen steigt, sondern als Verräterin von ihren enttäuschten, wütenden Mitstreitern zusammen mit Pollione verbrannt wird, ist die letzte, grausame Konsequenz.

Cecilia Bartoli beruft sich mit ihrer Interpretation auf Vorbilder der Uraufführungszeit. Aber ist ihre Deutung tatsächlich „historisch“ informiert, wie die des Dirigenten Giovanni Antonini am Pult des staubtrocken bis hemdsärmelig musizierenden Orchestra La Scintilla? Dafür fehlt der Bartoli dann doch wieder einiges. Ihr schnelles Dauervibrato zum Beispiel, das erlaubt keinen instrumentalen Klang. Überhaupt kommt ihr Singen eigentlich nie zur Ruhe. Und die kleinen, stupenden Verzierungen, die sie wie keine andere anbringen kann, gibt es meist nur im rasanten Einheitstempo. Wohl deshalb muss Antonini eine so flotte Gangart wählen, sein Star wäre sonst mit den Phrasen zu früh fertig. Zwei, drei aufgerissene Töne bei den Kriegsrufen, in denen la Bartoli ihre gute Vokalerziehung vergisst, führen vor Ohren: Da ringt sie um eine Dimension, die ihrem – gleichwohl kostbaren Organ – dann doch abgeht. Mindestens genauso wichtig ist aber, was in Salzburg mit dem sonst kaum zu besetzenden Pollione passiert. John Osborn, ein lyrischer Tenor, führt vor, wie unangestrengt, wie selbstverständlich man durch die Partie kommen kann – eine stilistische Meisterleistung. Rebeca Olvera driftet als Adalgisa in zu leichtgewichtigen Soubrettenton. Michele Pertusi als Oroveso straft alle Verfechter eines kleinstimmigen, „originalen“ Bellini-Klangs Lügen: Ja, auch großes Material lässt sich mühelos für den Belcanto zähmen. Und der geschmeidig singende Coro della Radiotelevisione Svizzerra setzt Maßstäbe für das, was beim Opernchorgesang möglich ist.

All das tut, trotz Einschränkungen, Bellinis Opus gut. Weg vom Pathos, weg von ausgestellter Emotion, hin zu wahrhaftigen, echten Gefühlen. Eine zutiefst menschliche „Norma“ ist dies. Dabei ist es ganz egal, dass die Regisseure das Stück in die Widerstandskämpfe des 20. Jahrhunderts verpflanzen, mit Stahlhelmen, Polliones Gestapo-Kälte und Pistolengefuchtel Akutalität suggerieren. Christian Fenouillats Einheitsbühne ist mal Versammlungsraum der Partisanen, mal Normas Zimmer: alles Verkleidung, die intimen, genau gezeichneten Zweisamkeitsmomente funktionieren auch so.

Noch mehr als in Bartolis Gesang muss man sich einhören in das, was aus dem Graben kommt. Viele nie gehörte Bläser-Korrespondenzen, Mittelstimmenarbeit und Nadelstich-Akzente hat da Giovanni Antonini, der sich auf eine Neuausgabe der Partitur stützt, entdeckt. Und es gibt ein merkwürdiges Verhältnis zur Intonation. La Scintilla spielt so wie Harnoncourts früher Concentus Musicus. Auf Angriff, Reibungsverluste inklusive. Fast scheint es, als ob der Abend in mehrere Intonationsinseln zerfällt: Auf der Bühne zum Beispiel wird meist zu hoch gesungen.

Bellini „historisch“, das kann also auch nach harter Arbeit klingen. Demgegenüber bieten die Pfingstfestspiele 2014 für die künstlerische Chefin ein leichtes Spiel. Zweimal Rossinis „La Cenerentola“ plus einmal die Desdemona in seinem „Otello“, da ist la Bartoli wieder daheim.

Markus Thiel 

Weitere Vorstellungen

während der Sommerfestspiele am 17., 20., 24., 27. und 30. August; Telefon: 0043/ 662/ 8045 500.

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