In der Gefühlsbrandung

- "Per pieta, ben mio . . ." ("O verzeih, verzeih Geliebter") - bricht es aus Fiordiligi heraus, als sie begreift, dass sie nicht länger ihren Verlobten Guglielmo liebt, sondern ihr Herz an den hartnäckig werbenden Fremden, an Ferrando, verloren hat. Es ist dies der auch musikalisch ergreifendste Augenblick in Wolfgang Amadeus Mozarts "Così` fan tutte", mit der am Freitagabend die Mozartwoche 2003 im Salzburger Landestheater eröffnet wurde.

<P></P><P>Dieses Rondo ist der Moment, in dem Fiordiligi den Boden unter den Füßen verliert. Da steht die Welt Kopf. Bei Christine Mielitz tut sie es wirklich. Die Regisseurin dreht den offenen Bühnenwürfel so weit, dass der Parkettboden samt Stuhl an der Decke klebt. Fiordiligi steht also auf dem Plafond. Sie, die zuvor "Come scoglio" ("Wie der Felsen") in der Gefühlsbrandung gestanden hatte, gerät ins Wanken. Wunderbar, dass die Mielitz Mozart hier bedingungslos vertraut und die Sängerin im leeren Raum ungestört die Zerrissenheit ihrer Seele offenbaren darf. In diesem Moment der existenziellen Erschütterung versagt sich Mielitz all das, was sie zuvor im Überfluss und hernach leicht reduziert auf die Szene gefördert hat: 1001 Einfälle - also mindestens 500 zu viel . . . Darunter gibt's viele hübsche, auch sinnvolle: Wenn die Liebhaber sich in Nato-Kampfanzügen ins Feld verabschieden, wenn sie als Feuerwehrmänner im brandroten Overall zurückkommen, wenn sie die umworbenen Damen unter kübelweise roten Rosen "begraben". Oder wenn die Mädels beim ersten Duett in Hartmut Schörghofers klarem weißem Kubusraum als werdende Bräute inmitten einer Wolke von Tüll sitzen, den Despina an der Nähmaschine zu Brautkleidern verarbeiten muss.</P><P>Rosen-Hügel und Feuerwehrmänner</P><P>Zweifellos, "Così`" ist eine Buffa, aber die Mielitz mutet ihr ein bisschen zu viel zu: Da müssen hochsymbolisch immer mal wieder Feuerchen auflodern oder bei Kurzschlüssen die Funken stieben. Auf Despinas Kopf dreht sich ein Notarzt-Blaulicht, wenn sie die Ohnmächtigen per Elektroschock reanimiert. Und die Chor-Damen und -Herren marschieren als Brautpaare auf wie zu einer Massenhochzeit.</P><P>So droht die ungebremste Fantasie der Regisseurin ihre subtilste Kunst zu überwuchern: Eine fabelhafte Führung und Charakterisierung der Personen. Dabei wagt die Mielitz einen kühnen Ansatz und gewinnt: Sie deutet von Beginn an in geradezu choreographischen Bewegungen und Gesten das Überkreuz der vier Liebenden an, bringt aber bis in den zweiten Akt hinein stets nur die angestammten Paare zueinander. Erst wenn die Frauen gewählt haben - Dorabella den Braunen und Fiordiligi den Blonden - vollzieht sich der Wechsel. Wer da wen liebt, oder nicht mehr liebt _ das weiß zuletzt niemand mehr. So endet das aus einer Laune, einer Männerwette heraus geborene, heitere Verwirrspiel in der totalen Verunsicherung. Sie entlädt sich beim finalen Lob der Vernunft in emotional aufgepeitschtem, aggressivem Ton. Dem entspricht die verkehrte Welt, in der das Brautbett wie ein Damoklesschwert über den Paaren schwebt. </P><P>Den sechs jungen Sängern verlangt die Regisseurin alles ab. Sie formte aus ihnen ein darstellerisch homogenes - gesanglich jedoch nicht gleichermaßen austariertes - Ensemble, in dem jeder seine rollenspezifische Individualität sehr direkt und auch schon mal handgreiflich ausleben darf: Melba Ramos, die aparte Puertoricanerin, hüpft als sexy Fiordiligi letztlich sogar mit Ferrando ins Bett. Ihr dunkel gefärbter Sopran, wohlgerundet in der Höhe, noch etwas schwächelnd in der Tiefe, ähnelt im Timbre (fast zu) stark dem schlanken, schön phrasierten Mezzo von Anke Vondungs fescher Dorabella. Christiane Boesingers silberhelle Despina erteilt als kesse, kleine Schlampe ihren Herrinnen eine deftige Lektion in Sachen Anmache. Insgesamt fördert Renate Schmitzers Kostümmix die Reize der Damen gekonnt zutage - in zarten Dessous wie im knallengen Schwarzen oder in der bunten Kittelschürze.</P><P>Das Herrentrio wird vom in Saft und Kraft stehenden Maurizio Muraro als Don Alfonso souverän angeführt. Als lockerer Mann von Welt, der das Leben kennt, zieht er die Fäden und schließt am Ende eilig den Vorhang vor dem Gefühlsdesaster, das er ausgelöst hat. Bedingungslos werfen sich Paul Armin Edelmann und Lothar Odinius in ihre Rollen als eifersüchtige Liebhaber und dreiste Werber. So verschmerzt der Zuhörer, dass Guglielmo eigentlich allzu unpersönlich klingt und Ferrando mit dem Höhenrisiko kämpft.</P><P>Zuweilen gab es auch kleine Koordinationsschwankungen mit dem Mozarteum Orchester, das unter Hubert Soudants Leitung sehr flugs und pointiert aufspielte. Die problematische Akustik des Landestheaters sorgte - zumindest auf dem Rang - zusätzlich für Irritationen im Gesamtklang. Dennoch, das Salzburger Mozartwochen-Publikum ließ sich begeistern und feierte vor allem die Damen mit Christine Mielitz an der Spitze heftig.</P>

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