Gegen alle Unterwerfungsrituale

- "Die Aufklärung der nationalsozialistischen Vergangenheit ist eine nie endende Aufgabe der Selbstreflexion." Mit dieser Mahnung kämpfte Professor Willibald Sauerländer gegen jahrelanges Verschweigen und Verdrängen an. "Es gäbe keine Kunstgeschichte ohne die kritische Distanz und die Freiheit gegenüber Monumenten", definierte er die Rolle der Wissenschaft. Damit lieferte er, als über 80-jährige Koryphäe, nicht nur einen aktuellen Beitrag zur Selbstpositionierung aller Kunsthistoriker, sondern er rief auch zu einer aktiven Vergangenheitsbewältigung auf.

Anlass dafür war die Präsentation eines Forschungsprojektes in München, das jetzt eine digitale Quellensammlung sowie die Vernetzung von Instituten und somit den Austausch von Ergebnissen per Internet öffentlich macht. "Geschichte der Kunstgeschichte im Nationalsozialismus", kurz GKNS, lautet der Titel für eine immense und heikle Fleißarbeit, die seit einem Jahr getätigt wurde.

Quellenforschung

Die deutsche Forschungsgemeinschaft, die das Projekt für zwei Jahre fördert, darf nach der Halbzeit schon zufrieden sein: Die kunsthistorischen Institute in Berlin, Bonn, Hamburg und München haben zusammen mit dem Institut für Softwaresysteme in Hamburg-Harburg einen Internetauftritt geschaffen, der bisher rund tausend Dokumente von 1930 bis 1950 mit einem ausgefeilten Stich- und Schlagwortkatalog zugänglich macht. Personenbezogene Quellen, Daten zur Institutsgeschichte, zu Strukturen und Wissenschaftszusammenhängen sowie zu Funktionen  der  Kunsthistoriker können so recherchiert werden. Dafür und für stetige Entwicklungsmöglichkeiten mussten die Prinzipien der Warburg Electronic Library (WEL) adaptiert und erweitert werden. Im nächsten Jahr soll die Kommunikationsplattform ausgebaut werden.

"Die schwierige, kritische und analytische Auseinandersetzung" mit der Kunstgeschichte im Nationalsozialismus kann so, wie von Sauerländer gefordert, auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Dass er dabei Quellen- und Archivforschung favorisiert und nicht die Befragung von Zeitzeugen, erwies sich im Kunsthistorischen Institut in München fast als Farce - der Vortragssaal war übervoll. Sauerländer, von 1970 bis '89 Direktor des Münchner Zentralinstitutes für Kunstgeschichte, fokussierte die "verweigerte Annahme der künstlerischen Freiheit als Ursache für den kunsthistorischen Vernunftsturz 1933". Seit der Romantik, so seine These, habe man unter der Zersplitterung gelitten, mit Hitlers Maxime von einer erhabenen Kunst hoffte man auf einen neuen Stil mit großer Gesinnung, auf Bindung und "völkische Geschlossenheit".

Rektoren wie Wilhelm Pinder, der von München nach Berlin berufen wurde, glaubten, als Teil des übergeordneten Regimes und der NS-Ideologie der Kunst eine neue Kraft und Heimat geben zu können und strebten nach einem zweiten Mittelalter. "Das Aussetzen der kritischen Vernunft und aufklärerischen Distanz ist dabei das Erschreckende", grenzte Sauerländer dieses gläubige Engagement klar vom Mitläufertum ab.

1945 bis 1970 folgte zwar eine äußere Abwendung von den Nationalsozialisten, aber keine Analyse der Ursachen und Folgen der früheren Verklärung. Von "traumatisierter Verdrängung" bis bewusstem Verschweigen reichten die Reaktionen. Die ganze Energie wurde in den Wiederaufbau gesteckt, die Sinnfrage aber wurde speziell bezüglich des Faches Kunstgeschichte nicht gestellt. Sauerländer fasste das als "pragmatische Aktivität und reflexive Lähmung" zusammen. Auch er habe Angst gehabt, von der Deskription zur Deutung überzugehen. Erst Martin Warnke habe 1970 mit den "guten Sitten des kollektiven Schweigens" gebrochen. Dass die "Unterwerfungsrituale" der Kunstgeschichte nicht weitergeführt werden, dass das Fach heute nicht zum Spielball der Ökonomie werden soll, war die Botschaft für die Zukunft.

www.welib.de/gkns

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