Gegen die Atmosphäre der totalen Panik

- Pianist, Dirigent, musikalischer Chef der Deutschen Staatsoper Berlin - Daniel Barenboim ist viel mehr. Er ist ein unbequemer, streitbarer Humanist und eine Integrationsfigur im Aussöhnungsprozess zwischen Israelis und Palästinensern. Mitte Mai erhält er zusammen mit Mstislav Rostropowitsch in der Jerusalemer Knesseth den Wolf-Preis als ein "Verteidiger von menschlicher und künstlerischer Freiheit". Wenige Tage zuvor, am 3. und 4. Mai, gastiert Barenboim mit "seiner" Staatskapelle Berlin in der Münchner Philharmonie, um dort die vier Symphonien von Johannes Brahms zyklisch aufzuführen.

<P>Manche sehen die vier Brahms-Symphonien als Bestandteile einer großen, umfassenden Symphonie. Würden Sie auch so weit gehen?<BR><BR>Barenboim: In gewisser Hinsicht ja. Die Akkumulation der musikalischen Aussage, der zusätzliche Effekt eines solchen Zyklus' ist nicht unwichtig. Das spüre ich auch, wenn ich, wie jetzt wieder in Wien, alle Beethoven-Sonaten spiele. Das Ganze ist eben größer als seine Teile. Was bei Brahms hinzukommt: Jede Symphonie eröffnet eine neue Welt, ist in einem ganz eigenem Idiom geschrieben. Andere Komponisten pflegen einen einheitlicheren symphonischen Stil. Diese Tatsache finde ich sehr interessant.<BR><BR>Adorno meinte über den Symphoniker Beethoven, er halte "Volksreden an die Menschheit". An wen wendet sich Brahms? <BR><BR>Barenboim: Brahms tut das natürlich auch, aber auf seine Weise. Eigentlich kann man so etwas nicht mit Worten erklären. Das heißt aber nicht, dass diese Musik keinen humanen Gehalt aufweist. Man muss ihn nur verdeutlichen. Und genau dies ist doch unser Problem heutzutage, das bei der landläufigen spezialisierten Art des Musikmachens auftritt. Der Hörer erlebt im Konzert oft nur eine Sammlung von schönen, interessanten, aufregenden Klängen. Musik beinhaltet aber mehr. Vor allem in München ist das klar geworden durch das Wirken Sergiu Celibidaches, von dem ich ungeheuer profitiert habe. War die Musik hier eine Art Religiosität? Ein sinnliches Erlebnis? Eine mathematische Erfahrung? All das schwingt bei diesen Interpretationen mit - und noch viel mehr. <BR><BR>Die Jahre mit Celibidache sind mir unvergesslich. Jedes Mal, wenn ich unter ihm spielen durfte, ging ich reicher aus München weg. Es gibt also keine rein absolute Musik?<BR><BR>Barenboim: Jedes Stück Musik transportiert Inhalte. Mit der Musik können wir uns konzentrieren, der gegenwärtigen Welt entfliehen, uns weg aus dem Alltag träumen. Musik hat aber auch ein anderes Gesicht, jenes, das Furcht, Sehnsucht, Schrecken ausdrückt. <BR><BR>Die gegenwärtige Welt spiegeln Sie ja nicht nur in musikalischen Interpretationen wider, Sie spielen auch eine große Rolle im Aussöhnungprozess zwischen Israel und den Palästinensern. Die Fronten verhärten sich hier immer mehr: Fühlen Sie sich als Rufer in der Wüste?<BR><BR>Barenboim: Das tut mir alles wahnsinnig weh. Es dreht sich hier aber nicht um eine politische Frage des Rechts oder Links, es dreht sich um die Frage der Existenz und des Existenzrechts zweier Völker, des jüdischen wie des palästinensischen. Momentan herrscht eine Atmosphäre der totalen Panik. Israelis und Palästinenser sprechen nur noch über Selbstmordattentate und deren Vergeltung, also nur noch über Tod, nicht mehr über Zukunftsperspektiven. Keiner weiß im Grunde, wie es weitergehen wird.<BR><BR>Gleichzeitig sagen Sie aber, vielen Menschen in dieser Region sei die Notwendigkeit einer Aussöhnung bewusst. Liegt es also an den politischen Führern?<BR><BR>Barenboim: Es ist wichtig, Visionen zu realisieren. Um diese pragmatisch durchzusetzen, muss man allerdings erst welche haben. Und dieses Defizit stelle ich bei vielen politischen Führern fest. Wir haben eine Menge Politiker, aber kaum Staatsmänner.<BR><BR>Sind Sie also eher pessimistisch?<BR><BR>Barenboim: Ich gebe keine Prognosen ab. Zurzeit ist die Welt ohne Gleichgewicht. Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die politischen Führer zu Gesprächen bereit gefunden, ebenso nach dem Zweiten. Stalin, Churchill und Roosevelt haben sich bestimmt nicht geliebt, sie haben aber eine Ordnung geschaffen. Und nach dem Kalten Krieg? Da kam nichts. Die USA begreifen sich als alleinige, unumschränkte Macht und handeln danach. Mit all den negativen Folgen, die wir gerade feststellen. Dieses spezifische Gefühl des Triumphalismus nach dem Zusammenbruch des Ostens war übrigens auch in Deutschland zu spüren. Das zeugt nicht immer von Verständnis für den andern . . .<BR><BR>Bedauern Sie es manchmal, nicht Politiker zu sein?<BR><BR>Barenboim: Um Himmels willen, nein. Ich bin viel lieber ein Musiker, der sein Herz über Politik ausschüttet, als ein Politiker, der über Musik spricht - oder glaubt, dies zu können. Ich bin besorgt über die Kurzfristigkeit des politischen Denkens. Immer nur die nächste Wahl, das allein scheint wichtig. Aber das ist doch so, als ob ich anfange, eine Brahms-Symphonie zu dirigieren, ohne zu wissen, wie sie aufhört.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR>Daniel Barenboim: "Es ist wichtig, Visionen zu realisieren. Um diese pragmatisch durchzusetzen, muss man allerdings erst welche haben. Und dieses Defizit stelle ich bei vielen politischen Führern fest." Am 3. und 4. Mai dirigiert er in München die Brahms-Symphonien.Foto: ap</P><P><BR> </P>

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