Gegen die bösen Grillen der Gegenwart

- Zwei Jahre nach ihrem Tod ist es an der Zeit, vorbehaltlos wieder an sie zu erinnern. Die furchtbaren letzten TV-Auftritte der kranken Diva sind gedächtnismäßig ad acta gelegt, alles geltungssüchtige Getue spielt keine Rolle mehr. Was geblieben ist, ist allein ihre Musik. Geblieben sind ihr kesser Gesang, ihre schaurig schönen Chansons zwischen tragischer Komik und komischer Tragik, zwischen Sentiment, Selbstironie und Kodderschnauze. Und die vielfach selbst verfassten Texte. Hildegard Knef forever.

"Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen . . ." Hildegard Knef

Das alles zusammen vermittelt mehr von jener einzigartigen Knef-Aura, gibt umfassenderen Einblick in die komplizierte, widersprüchliche Persönlichkeit dieser berühmtesten deutschen Nachkriegs-Duse als jede ambitionierte Biografie über sie, die es immer wieder schaffte, ihren eigenen Mythos durch irgendeine Unmöglichkeit selbst zu zerstören. Das machte die Knef so interessant. Und das lässt auch heute noch viele ihrer Chansons mit dem Prädikat "zeitlos" durchgehen.

Wenn jetzt auf zwei CDs 48 Knef-Singles versammelt sind, dann ist da auch schon mal das Schlager-Humtata der 60er- und 70er-Jahre zu erkennen. Insgesamt aber lässt sich beim Neuhören oder Wiederhören der Titel mit einiger Wehmut feststellen: Hätte Deutschland in Sachen Chansons nur ein kleines Stückchen von Frankreich, Hildegard Knef würde wie eine Göttin verehrt. Denn sie hat dieser Kunstgattung ein ganz neues, ganz einzigartiges Gesicht verpasst.

Doch bei uns, wo üblicherweise der Prophet im eigenen Land nichts gilt, ist man prosaischer. Dennoch, die kleinen gesungenen Lebensgeschichten der schönen Hilde, deren Stimme sich immer anhört, als hätte sie sie mit Whisky geölt, ziehen einen so richtig rein in ihre burschikosen Sehnsuchts-Elegien.

Ob sie von Mackie Messer singt oder sich nach dem Mann verzehrt, der nie ein Kavalier war. Ob sie ihr "Heimweh nach dem Kurfürstendamm" rauchig haucht oder sich illusionslos lustig macht über jenen Kerl, der seine Geliebte von der Steuer absetzt. Ob sie durch den "Bal paré´" scheppert, "Eins und eins, das macht zwei" rechnet oder mit ihrem "Aber schön war es doch" die bösen Grillen der Gegenwart verjagt: Immer schwingt da der Selbstbehauptungswille der Sängerin mit, dieses mutige "Trotz alledem".

Natürlich sind nicht alle 48 Titel - die regnenden roten Rosen sind übrigens nicht darunter - gleich gut. Aber durch die Interpretation der singenden Berlinerin wird noch in jedem Lied das Alltägliche zum Besonderen erhoben. Ein knefiger Ohren- und Seelenschmaus.

Hildegard Knef: "Schöne Zeiten" (Warner Music Group).

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