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Regisseur Jo Baier

Jo Baier über Sex, Gier und politische Visionen

München - Regisseur Jo Baier spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Sex, Gier und politische Visionen in der Zeit der Renaissance und heute.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Walter Sedlmaier, Karl Valentin – Regisseur Jo Baier hat ein Herz für Außenseiter. Für Menschen, die sich nicht verbiegen lassen. Es verwundert also nicht, dass sich der aus Dietramszell stammende Filmemacher daran wagte, die von Heinrich Mann verfasste Lebensgeschichte des „Henri Quatre“ (1553 bis 1610) auf die Leinwand zu wuchten. In einer über 19 Millionen Euro schweren deutsch-französischen Koproduktion mit dem modischen Titel „Henri 4“, unterstützt von einem Staraufgebot von Ulrich Noethen bis Sandra Hüller. Der Film läuft am Donnerstag an.

Ihre Liebe zum Dokumentarischen sieht man „Henri 4“ deutlich an.

Man versucht immer, irgendetwas möglichst authentisch abzubilden. Bei „Henri 4“ ging es mir darum, die Renaissance so intensiv wie möglich fühlbar zu machen. Nicht kulinarisch zu sein, sondern auf eine eigene Art authentisch. Es ging mir nicht darum, dass man sagen kann: Dies war genau die Feder, mit der geschrieben wurde. Aber die Anmutung, mit unserem heutigen Verständnis in dieser Zeit zu sein, das war mir wichtig. Ich denke, das kommt sicherlich vom Dokumentarischen.

Die dreckigen nackten Füße der Darsteller sind also authentisch?

Ich habe großen Wert darauf gelegt, dass keines der Kostüme sauber ist und dass niemand frisch gewaschene Haare hat. Man weiß aus historischen Quellen, dass damals am Pariser Louvre etwa 1000 Menschen gelebt haben. Für die gab es vier Wäscherinnen. Man kann sich also ungefähr vorstellen, wie sauber es da zugegangen ist. Auch auf den Straßen lag der Dreck. Überall lebten die Tiere, auch in der Stadt, und man hat den Unrat aus dem Fenster gekippt.

Ihre Schlachtenszenen sind ähnlich drastisch.

Es ging mir nicht darum, das schön darzustellen. Ich wollte zeigen, wie böse und brutal es damals war. Von Mann zu Mann, und es geht nur darum, den anderen umzubringen, sonst wird man selber umgebracht. Der Film sollte direkt und unmittelbar wirken.

Die Liebesszenen sind zum Teil heftig, besitzen doch aber alle eine gewisse Ästhetik.

Mag sein, aber nicht im Sinne einer kulinarischen Ästhetik. Es geht doch ziemlich zur Sache. Die Sexualität der damaligen Zeit war sehr direkt, was ja nicht der einzige Brückenschlag zu unserer Gegenwart ist. Von Henri weiß man, dass er viele Frauen hatte und dass Sexualität in seinem Leben eine große Rolle spielte. Man muss sich nur Bilder von Caravaggio oder anderen Malern der Zeit anschauen, da spiegelt sich das alles: die Gewalt, die Sexualität, das Körpergefühl. Das spielt heute wieder so eine große Rolle wie damals. Ich wollte nicht wie andere Filme über die Zeit alles schön abbilden und zeigen, wie Menschen sich in edlen Kostümen bewegen. Mein Film ist sehr viel unmittelbarer und dadurch auch moderner.

Ist eine Verfilmung von Heinrich Manns „Henri Quatre“ mit seiner humanistischen Botschaft heute noch notwendig?

Mir hat es imponiert, in einer solchen Zeit der Engstirnigkeit den Gegenentwurf eines zutiefst humanistischen Menschen darzustellen. Auch was Heinrich Mann an diesem König so beeindruckt hat, dass sich da einer allen Widrigkeiten zum Trotz hochgearbeitet hat, um dann endlich an die Regierung zu kommen – und diese Macht eben nicht zu missbrauchen, wie es alle anderen getan hätten. Heutzutage würde man sagen, so ein Mensch muss höchst traumatisiert sein durch alles, was er bis dahin erlebt hat. Und wenn er an die Macht kommt, ist er ein erbarmungsloser und brutaler Herrscher. Aber das war nicht der Fall! Henri war klug und umsichtig, und Ideen wie die, dass jeder Bauer am Sonntag sein Huhn im Topf haben sollte, ist doch zutiefst sozial. Und modern. Auch der Bau von Straßen und Schulen gehört dazu. Oder die Idee eines vereinten Europa, in dem alle Staaten zusammenarbeiten. Und die Glaubensfreiheit. Jeder soll das glauben dürfen, was er will. Das sind Dinge, die mir wichtig waren. Dass es eben auch angesichts eines bis dahin sehr abenteuerlichen und schrecklichen Lebensweges möglich ist, seinem Ideal treu zu bleiben. Diesem Ideal, das von Montaigne kommt und das ich im Film Henris Lehrer in den Mund lege: „Die Gewalt ist stark, aber stärker ist die Güte.“ Das finde ich einen wunderbaren Leitsatz.

Welche Parallelen sehen Sie zur heutigen Zeit?

Ich sehe sehr viele Ähnlichkeiten, das hat mich immer mehr fasziniert, je weiter ich in den Roman vorgedrungen bin. Als ich 2001 anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, konnte man ja noch gar nicht ahnen, dass es beispielsweise bald jemanden wie Obama geben wird. Einen, der Ideale und Visionen hat. Ich denke, unsere Zeit hat mit der Renaissance sehr viel gemein. Nicht nur diese Körperlichkeit und der Umgang mit der Sexualität, sondern auch die Gesellschaft, die sehr materialistisch orientiert ist. Der Katholizismus war korrumpiert. Deswegen finde ich die Romane bis heute sehr relevant und sehe Henri als einen ganz modernen Helden im Sinne eines Zweiflers und eines eher weichen Menschen.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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