Gegen das Schweigen

- So richtig reden will keiner darüber. Vor allem keiner der Betroffenen. Das sind Schauspieler, die nicht dauerhaft an einem Theater engagiert sind. Junge Künstler etwa, die nach der Schauspielschule kein Angebot von einem Theater bekommen haben. Oder solche, die zwar ein Engagement hatten, aber bei einem Intendantenwechsel nicht übernommen wurden. Die dann vielleicht für einige Wochen auf einer kleinen Bühne auftreten, hin und wieder ein paar Drehtage haben und in der Zwischenzeit arbeitslos sind. Und das ist in der Branche gar nichts Besonderes oder gar Ehrenrühriges.

<P>Etwa 2400 Schauspielern, die in der Spielzeit 2002/'03 an öffentlich getragenen Bühnen fest engagiert sind, stehen ungefähr 4000 gegenüber, die sich in der Kartei der Zentralen Bühnen- und Filmvermittlung (ZBF) befinden, die nicht alle gleichzeitig arbeitslos sind, aber immer wieder neue Engagements brauchen. Jetzt bedrohen die Arbeitsmarktreformen Hartz III und IV die Existenz von vielen und machen sie im Nu zu Langzeitarbeitslosen. Was für sie berufsschädigend ist.<BR><BR>"Dass Künstler in diesem Zusammenhang schnell als Sozialfälle betrachtet werden, ärgert die Schauspieler. Und weil sie dadurch Nachteile beim nächsten Engagement befürchten, möchten sie darüber auch öffentlich nicht sprechen", erklärt Claus Peter Seifert. Er ist der Gründer des Münchner Vereins Inkunst, der mit der Unterstützung der Arbeitsagentur für arbeitslose Theaterleute Fördermaßnahmen in der Halle 7 anbietet und ihnen so zu einem neuen Engagement verhelfen soll. <BR><BR>Arbeitslosigkeit gehört in der Film- und Theaterlandschaft zum System. Denn Schauspieler sind so genannte "unständig" Beschäftigte, feste Ensembles gibt es beim Film nämlich nicht, und die privaten, kommerziellen Bühnen können sie sich gar nicht leisten. Für die Tage, an denen Schauspieler unter Vertrag sind, zahlen sie in die Arbeitslosenversicherung ein. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld (jetzt ALG I) haben sie aber erst, wenn sie 360 Tage Festanstellung in zwei Jahren nachweisen können. Vor Hartz III betrug der Zeitraum noch drei Jahre. "In zwei Jahren ist das kaum zu schaffen", sagt Wolfgang Jörg, ein Münchner Schauspieler, der jetzt eine Ich-AG gegründet hat. "Man müsste mindestens zwei Gastspielverträge plus eine Tournee plus einen längeren Dreh haben." Kommt man damit nicht auf 360 Tage, besteht nur noch Anspruch auf Arbeitslosengeld II, also 345 Euro plus Mietgeld, obwohl man an allen Tagen der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung auch eingezahlt hat. <BR><BR>Sich selbstständig zu machen, ist allerdings auch keine einfache Lösung: Denn dann muss der Schauspieler alle Versicherungsbeiträge im vollen Umfang selbst tragen, und das wird teuer. So fallen Schauspieler zwischen den Definitionen von Arbeitsverhältnissen hindurch und am Ende fast durchs soziale Netz.<BR><BR>Nicht betroffen davon ist freilich der gut verdienende Fernsehkommissar oder Seriendarsteller: Wenn dieser nicht auf 360 Tage kommt, erhält er neuerdings nur Arbeitslosengeld im Falle der Bedürftigkeit. Hier sorgt die Reform sogar für mehr Gerechtigkeit. Die an mehr als 360 Tagen beschäftigten Besserverdiener hingegen haben in den Zeiten ohne Engagement weiter Anspruch auf ALG I, aber schließlich haben sie pro sozialversicherungspflichtigem Arbeitstag auch einbezahlt. <BR><BR>Oft kein Probengeld von Privattheatern<BR><BR>Nachbesserungsbedarf, vor allem für die gering Beschäftigten, sieht Michael Schäfermeyer, Leiter des Bereichs Schauspiel bei der ZBF, die der Bundesagentur angegliedert ist. "So langsam sickern die Konsequenzen in die Köpfe und Herzen der Theaterleute", berichtet er. Ein gravierender Missstand ist die öffentliche Quersubventionierung der Privattheater: Häufig erhielten die Schauspieler erst für die Vorstellungen Gage, während der Proben aber Arbeitslosengeld. An dieser Praxis wird sich vermutlich allenfalls ändern, dass künftig nur noch die viel beschäftigten Schauspieler, die Anspruch auf ALG I haben, sich das leisten können. Die anderen erhalten ja nur ALG II, und das erst, wenn sie die eigenen Mittel aufgebraucht haben.<BR><BR>Glaubt man den Theatern der freien Szene in München, haben die Hartz-Reformen auf sie keinerlei Auswirkungen. Man arbeite nur mit freischaffenden Schauspielern, heißt es zumeist. Was aber nicht so ganz stimmen kann, weil die Akteure das gar nicht finanziert bekommen. "Wir rechnen damit, dass unsere Schauspieler eine Nebentätigkeit annehmen müssen", so eine Münchner Boulevardbühne. <BR><BR>Genau darin sieht Wolfgang Klein, Sozialreferent des Interessenverbands Deutscher Schauspieler (IDS), die Crux: "Dadurch sind Schauspieler nicht mehr flexibel, wenn ein Engagement kommt. Wenn sie in Beschäftigungsmaßnahmen gedrängt werden, ist das berufsverhindernd oder gar -schädigend." Deshalb bemüht sich Klein zusammen mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit um adäquate Zusatzjobs für Schauspieler. "Lesepaten" etwa, die in Schulen, Krankenhäusern oder Altenheimen Literatur vermitteln - ein Job, der kurzfristig umbesetzt werden kann, wenn der Schauspieler ein Engagement bekommt. <BR><BR>Einer, der sich aus dem Schweigen der Kollegen und auch der Abhängigkeit vom Staat herausgelöst hat, ist Wolfgang Jörg. Demnächst dreht er wieder für den "Bullen von Tölz". Zwischenzeitlich betreibt er seine Ich-AG, und da gehört es zum Geschäft, über die eigene Situation zu reden. "Ich hatte die Selbstständigkeit schon lange vor. Abhängigkeit und künstlerische Tätigkeit passen nicht zusammen." Jörg, der an den Münchner Kammerspielen angefangen hat und in Ingolstadt fest engagiert war, bereitet jetzt Jugendliche auf die Schauspielschule vor, leitet Schauspielseminare, erteilt Sprech- und Bewegungsunterricht für Menschen in Führungspositionen und hilft bei der Rollen- oder Drehbucherarbeitung.<BR><BR>Ob sein Businessplan aufgeht, ist natürlich ebenso ungewiss wie die Zukunft der freien Theater. Immerhin überwiegen bei Wolfgang Jörg "Abenteuer und Nervenkitzel" und nicht das Gefühl, den Reformen machtlos ausgeliefert zu sein.</P>

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