Gegenbeweis eines Bruckner-Jüngers

- Die Darmsaiten-Fraktion hatte Alarm geschlagen. Mozarts Requiem von einem Bruckner-Jünger dirigiert, das auch noch mit jeweils 14 Geigen, großer Orgel und weiteren folgen- und personalreichen Besetzungen: Kann das im Gasteig gut gehen? Ist über derartige Muskelspiele nicht die Zeit hinweg gegangen?

Nach knapp 60 Minuten, als sich sekundenlang keine Hand zum Applaus regte, hatte man von Christian Thielemann den Gegenbeweis gehört. Solange eine Interpretation die innere Logik wahrt, solange sie Geist, Geheimnis und Hintergrund des Werks erfasst, ist sie legitim - egal, welche Heerscharen antreten und mit wie viel Vibrato sie dabei die Töne sättigen.

Thielemann, sonst gewisser Theatralik nicht abgeneigt, agierte mit großer Ernsthaftigkeit. Kraftvolles beschränkte sich auf die "Pflichtstellen" im "Dies irae" oder "Rex tremendae". Was sonst aufhorchen ließ, war sein Sinn für instrumentale Nuancen, die hier ja zugleich Inhalt transportieren: wie etwa die drei Posaunen als "Todesfarbe" das Stück durchziehen, auch welche Hervorhebungen in den Streichern entscheidend sind. Manchmal warf das schon die Frage auf, ob man diese oder jene Stelle überhaupt je so schön, so erfüllt gehört hatte.

Höhepunkt war das "Recordare". Thielemann und die Münchner Philharmoniker zeigten mit genauer Detailarbeit, dass sich Vokal- und Instrumentalebene ergänzen, überdies wie Gedanken entwickelt und weitergereicht werden. Und dass sich dabei liturgischer Text und musikalischer Ausdruck decken. Gewiss gab es auch Schwachstellen: die zu pauschalen Fugen in den Ecksätzen, das auf der Stelle tretende "Hostias". Und obwohl jeder der Vier ein Könner - zum homogenen Ensemble fanden die Solisten Sibylla Rubens, Lioba Braun, Steve Davislim und Georg Zeppenfeld kaum zusammen.

Magisches vom BR-Chor

Viel Jubel bekam der Chor des Bayerischen Rundfunks. Und meist, besonders im Piano, gelang dem Ensemble tatsächlich Magisches. Doch dann wiederum schien man - auch bedingt durch die Postierung der Männer in der Mitte - in alte, klanglich raue Zeiten zurückzufallen.

Trotzdem: Mozarts 23. Oper ist nicht daraus geworden. Peter Ruzicka muss also das Programm seiner Salzburger Festspiele nicht umkrempeln. Von ihm war eingangs die Komposition "Tallis" zu hören. Zwei Welten berühren sich hier, schaffen ein spannungsreiches Kraftfeld: geräuschhaft-metallische Episoden und die tonale Mehrstimmigkeit von Thomas Tallis (1505-1585).

Claudia Barainsky sang danach Alban Bergs "Sieben Frühe Lieder". Ohne Sentiment, mit klarem, etwas farbarmem Gestus. Die Philharmoniker begleiteten behutsam - mehr als ein akustischer Kompromiss kommt im Gasteig bei solchen Stücken ja nie heraus. Die Wunschliste nach dem Mozart-Requiem ist jedenfalls lang geworden: eine Haydn-Messe, Bachs Matthäus-Passion, Mozarts c-moll-Messe mit Thielemann - warum eigentlich nicht?

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