Im Gegenglück des Geistes

- "Wie so oft im Leben war es der pure Zufall." Und der bestand für Heinz Friedrich 1960 darin, dass er in seiner Funktion als Programmdirektor von Radio Bremen eine Konferenz in München besuchte, wo er sich anschließend bei einigen Gläsern Wein mit Verleger Klaus Piper traf. "Wir trennten uns mit der Gewissheit, einen angenehmen Abend verplaudert zu haben", erinnerte sich Friedrich 30 Jahre später - da war aus dem verplauderten Abend längst eine große, erfolgreiche Unternehmung geworden. Denn zwei Wochen später war Piper damals auf die Spinnereien zurückgekommen, die die beiden über einen Taschenbuchverlag angestellt hatten.

<P>1961 schon war es so weit: Elf Verlage hatten sich zum Deutschen Taschenbuchverlag dtv zusammengeschlossen, um ihre Hard-Cover-Bücher in großer Auflage preisgünstig zu verwerten, und Heinz Friedrich war ihr geschäftsführender zwölfter Gesellschafter geworden. Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch" zählte zu den ersten neun Titeln, der wie viele spätere so unverwechselbar von dem Grafiker Celestino Piatti gestaltet war. 2001, drei Jahre vor seinem Tod, vermachten Friedrich und seine Frau ihr umfangreiches Archiv an die Bayerische Staatsbibliothek. Diese hat nun dem Verleger, Autor und Präsidenten der Bayerischen Akademie der schönen Künste eine Ausstellung gewidmet: "Ein Leben im Gegenglück des Geistes" heißt sie nach einem Zitat Gottfried Benns, das Friedrich sehr schätzte und auch als Buchtitel verwendete. <BR><BR>Nachträglich betrachtet - das zeigt diese schöne, persönlich gefärbte, zeitgeschichtliche Schau - scheint Friedrich geradezu prädestiniert gewesen zu sein, dtv in den 30 Jahren seiner Tätigkeit immer wieder zum Erfolg zu führen. Denn Friedrich hatte als Redakteur des Hessischen Rundfunks und später als "Erwachsenenbildner" von Radio Bremen journalistische Erfahrung und auch als Autor und Mitglied der Gruppe 47 viele Kontakte in die Literaturszene. Außerdem hatte er bereits für die Fischer-Bücherei als Cheflektor gearbeitet. Schon da lautete sein Credo allen Anfeindungen des Taschenbuch-Geschäfts zum Trotz: "Wir bekennen uns zur Massenauflage, weil wir in ihr die einzige Möglichkeit sehen, das Buch in positiver Konkurrenz zu den Luxusartikeln und Reizmitteln zu bringen, die heute die Gesellschaft überschwemmen."<BR><BR>Äußerst anschaulich präsentiert die Staatsbibliothek die Zeugnisse eines ungewöhnlichen Lebens: den ambitionierten Abituraufsatz über Nietzsche, die Splitter, die den jungen Friedrich im Krieg schwer verletzten und von seiner Mutter aufbewahrt wurden, wichtige Buchcover und Briefwechsel und schließlich die Konzepte für dtv und dtv junior, einen Verlagszweig, den Friedrichs Frau Maria leitete.<BR><BR>Besonders interessant sind wie so oft unscheinbare Details: Eine Papier-Schreibtischunterlage zeigt, was dem humanistisch gebildeten Verleger, der als Kriegsheimkehrer keine Gelegenheit hatte zu studieren, durch den Kopf ging. Da finden sich keine Telefonkritzeleien, sondern dicht an dicht - eine Art Zufallsanthologie - Textzeilen wie diese: "Lebt der Mensch oder lebt das Leben ihn?"</P><P>Bis 21. August, täglich 10-17 Uhr. Di. und Do. bis 19 Uhr. Katalog 15 Euro.</P>

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