Mit der Gegenwelt leben

München - Könnte das möglich werden: Münchens Dance-Biennale (25. 10. bis 8. 11.) als heißer Tanzherbst? Es könnte. Zwar wäre im Zeitalter programmierungsgestresster Festivals mit ihrem Choreographen-Recycling ein aufregendes, ein echtes Tanzerlebnis so etwas wie ein geknackter Jackpot. Aber mit Bettina Wagner-Bergelt ist als Kuratorin eine Power-Frau angetreten, die schon in ihrer Zeit im Münchner Kulturreferat von 1986 bis `89 Dance organisierte und seitdem im Bayerischen Staatsballett, inzwischen Stellvertreterin des Leiters Ivan Li(s)ka, für die zeitgenössischen Wagnisse verantwortlich zeichnet.

-Ist es noch möglich, sich von anderen Tanz-Kuratoren abzusetzen?

Ich glaube schon. Zum einen ist da meine intensive Auseinandersetzung mit Tanz für Jugendliche. Wir haben im Staatsballett Unterrichts-Programme für Kinder entwickelt. Und jetzt ist mit dem Theater der Jugend in der Schauburg ein 14-tägiges Tanz-Programm für Kinder entstanden, das als "Special" vor dem Festival-Zeitpunkt liegt. Zum anderen habe ich wahrscheinlich auch eine Integrationsfunktion gehabt in der Münchner Szene. Weil ich nie darauf beharrt habe, dass das Staatsballett etwas ganz anderes sein muss, sondern immer versucht habe, mich zu informieren, was hier und gleichzeitig in der internationalen Szene passiert. Wie das von draußen hier ankommt und weiterverarbeitet wird. Es bringt uns nicht viel, wenn man was aus Honolulu holt, nur weil von dort noch nie was hier war.

-Ein Programm hängt auch vom Geld ab.

Der Etat beträgt etwas über 500 000 Euro. Die Organisation, die Technik, Reisegelder und Honorare abgerechnet, bleiben für den Programmbereich etwa 150 000 Euro. Die muss man aufstocken - mit viel Fantasie, mit anderen Veranstaltern, mit Co-Produzenten. Da war es für mich eine tolle Erfahrung, dass ich immer nur offene Türen eingerannt habe. Die Pinakothek der Moderne gesellt sich wieder dazu mit einem kleinen Forsythe-Teil, dann das Institut Français, das Muffatwerk und Joint Adventures. Die Stadtbibliothek macht ein ganz wunderbares Projekt mit der holländischen Dokumentarfilmerin Marjolaine Boonstra. Und mit dabei ist natürlich das Staatsballett.

-Ihr Motto ist "Gegenwelten"...

Ich finde es zunehmend wichtiger, dass man zu dem, was man erlebt, sich ein Gegenteil, ein anderes vorstellen kann. Die Gruppen, die ich eingeladen habe, stelle ich in einen Kontext, in dem man sie befragen kann: Wie nehmen sie Welt wahr? Und was machen sie mit dem Material, das sie in dieser Welt vorfinden, um daraus eine Gegenwelt zu konzipieren, die anders aussieht - besser oder schlechter. Und gleichzeitig auch die Fantasie anzuregen zu der Einsicht, dass wir in dieser Welt, in der wir leben, bestimmte Privilegien haben. Dass es andere Welten gibt, in denen ganz andere Schwerpunkte gesetzt werden, ganz andere Dinge lebensentscheidend sind.

-Gibt es Neuentdeckungen bei den Gästen?

Der Israeli Hofesh Shechter aus London. Er kommt aus der Batsheva Tradition, hat also bei dem sehr physisch arbeitenden Ohad Naharin gelernt. Er hat noch nicht sehr viele Stücke gemacht, aber man sieht schon, wie er sein Material immer wieder verändert. Genau das möchte Dance beobachten. Dann der Brasilianer Bruno Beltrao, bei dem der HipHop nicht mehr das Widerstandspotenzial von der Straße hat, sondern eine neue, eine ganz strenge Form kriegt, im Grunde genommen wieder so eine Art abstrakter Tanz wird.

-Es kommen aber auch alte Bekannte.

Zum Beispiel Wim Vandekeybus, den ich mit seinem allerersten Stück "What the body does not remember" in den Marstall geholt hatte. Jetzt zeigt er sein Stück "Spiegel", in dem er über seine Arbeit in diesen seitdem vergangenen 20 Jahren reflektiert. Auch Rosemary Butcher, d i e britische Pionierin, vertieft sich zurzeit in ihre eigene künstlerische Biografie. Und das finde ich einen ganz wesentlichen Punkt: dass man sich klar darüber wird, was in diesen 20 Jahren passiert ist, die ja im Wesentlichen die Geschichte der freien zeitgenössischen Szene umfassen. Und dass "modern" und "zeitgenössisch" nicht identisch sind.

-Wie vereinbaren Sie Ihre Arbeit für das städtische Dance mit der fürs Staatsballett?

Ich habe zwei Wochen Sonderurlaub für den Festival-Teil. Ansonsten habe ich oft nachts gearbeitet... Ich habe ja auch ein sehr gutes Verhältnis zu Ivan Li(s)ka. Und er weiß natürlich, dass meine Festival-Tätigkeit letztlich auch dem Staatsballett zugutekommt.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

 Das Angebot der diesjährigen Dance-Biennale

Vorab zwei Specials: "Dance 4 Kids" in der Schauburg (15. - 31. 10): verschiedene Stücke, auch für Erwachsene. Und: die Lange Nacht des Bayerischen Staatsballetts (18.10., Staatsoper).

Doppelter Dance-Auftakt: "Don Q." von Christian Spuck mit dem Stuttgarter Alt-Star Egon Madsen und Eric Gauthie (Schauburg, 25. 10.); Stücke von Hofesh Shechter (Muffathalle, 25./ 26. 10.).

Termine in der Muffathalle, im i-camp, Carl-Orff-Saal und Black Box/ Gasteig, Prinzregenten-, Gärtnerplatztheater: "Episodes of Light" von Rosemary Butcher (29./30. 10.); "Herrumbre"/ "White Darkness" von Nacho Duato und seiner Compania Nacional de Danza, Madrid (1./ 2. 11.), "12"/ "Im linken Rückspiegel auf dem Parkplatz von Woolworth" von VA Wölfl (2. 11.),

"Spiegel" von Wim Vandekeybus (4. 11.), "If I sing to you" von Deborah Hay (4./ 5. 11.), "Ausgenommen die Hunde" von Stefan Dreher (5. - 8. 11.), "A Glimpse of Hope" von Simone Sandroni & Lenka Flory (7./ 8. 11., 20 Uhr).

Weitere Infos unter www.dance2008.de; Vorverkauf ab 15. 9. (089/ 54 81 81 81), für Dance 4 Kids ab 17. 9. (089/23 33 71 55). M.G.

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