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Geheime Botschaft des Gesichts

- "Man sollte niemals etwas erzählen." Ausgerechnet das sind die Worte, mit denen sich Javier Marías vier Jahre nach seinem letzten Roman zurückmeldet. Doch an diesen Anfangssatz seines neuen Buches "Dein Gesicht morgen", das jetzt in den Handel kommt, wird sich der große spanische Schriftsteller in der Folge paradoxer-, aber auch glücklicherweise ganz und gar nicht halten. Javier Marías erzählt sehr wohl, geradezu überbordend sogar, und nicht nur das: Er philosophiert, dokumentiert, inszeniert und interpretiert, dass es eine Lust ist. Den Rahmen dafür bildet eine höchst originelle Spionagegeschichte. Noch spannender als die Handlung aber ist, wie das Buch die Geheimnisse der menschlichen Kommunikation ergründet, die Macht und Gefährlichkeit der Worte, aber auch die Botschaften im Ungesagten.

<P>"Der zitternde Kiefer des konfusen Ehrgeizlings"<BR>Javier Marías</P><P>Genau diese Botschaften zu entschlüsseln, ist die große Gabe und Aufgabe des Protagonisten Jacques Deza. Mit scharfem Blick durchschaut er Absichten, verborgene Charakterzüge und Verstellungen seines Gegenübers und kann daraus auch dessen künftige Verhaltensweisen, sein "Gesicht morgen", ablesen. Jacques nimmt wahr, was andere nicht zu sehen wagen: "die angestrengt undurchsichtigen Blicke und das übertriebene Blinzeln, das Verziehen einer Lippe bei der Vorbereitung einer Lüge oder den zitternden Kiefer des konfusen Ehrgeizlings". Diese Fähigkeit will sich der britische Geheimdienst zunutze machen. Der alte Literatur-Professor Peter Wheeler heuert den jungen Spanier in Oxford für den ungewöhnlichen Job des "Menschendeuters", "Lebensübersetzers" oder "Geschichtenantizipierers" an.<BR><BR>In Diensten der Spezialeinheit MI6 beobachtet er die verschiedensten Menschen - mal voyeuristisch durch falsche Spiegel oder auf Videobändern, mal ganz offen. Und muss dann urteilen: Betrügt diese Ehefrau ihren Mann? Wäre der eitle, alternde Schauspieler in der Lage, einen Mord zu begehen? Und wie entschlossen und ehrlich ist der venezolanische General, der nach London gekommen ist, um Unterstützung für einen Militärputsch gegen den Präsidenten Hugo Chávez zu organisieren? <BR><BR>Einen Spionageroman à` la James Bond hat Javier Marías freilich nicht abgeliefert - auch wenn er dem 007-Erfinder Ian Fleming im Buch eine kleine Hommage erweist. Die minimale äußere Handlung erstreckt sich über weniger als 48 Stunden, in denen niemals geschossen, dafür umso mehr geredet wird. Dazu kommen ausgedehnte Exkurse, darunter ein Ausschnitt aus der ganz persönlichen Familiengeschichte des 52-jährigen Autors: Sein Vater, der Philosoph Juliá´n Marías, wurde zu Beginn der Franco-Diktatur von seinem besten Freund denunziert und daraufhin verhaftet. Der Verrat steht in verstörendem Kontrast zur Geschichte des hellsichtigen Jacques. Denn bei aller vermeintlichen Vertrautheit mit dem Freund hatte der Vater keinerlei Vorzeichen für die Tat entdecken können.<BR><BR>Wie in den untergeordneten Handlungssträngen geht es auch in den langen essayistischen Passagen des Buches immer wieder darum, was Worte anrichten können, wie sie sich manchmal in Waffen verwandeln, wie wir die Kontrolle über sie verlieren, haben sie erst einmal unseren Mund verlassen. Die Gedankengänge mögen verschlungen sein, doch sie verirren sich nie, sie sind klug, anregend und immer dicht am Leben. Dass man ihnen gerne folgt, ist aber auch ein Verdienst der virtuosen Sprache des Autors. Javier Marías, der seit "Mein Herz so weiß" besonders in Deutschland hohe Popularität genießt, ist einer der wenigen lebenden Autoren, die einen so unverwechselbaren Stil pflegen, dass man ihn beim Lesen schon nach wenigen Sätzen wiedererkennt. Nach fast 500 Seiten hat man noch immer nicht genug. Zumal viele spannende Fragen offen bleiben. Doch Marías wird die Geduld seiner Leser hoffentlich nicht überstrapazieren. Band zwei von "Dein Gesicht morgen" soll demnächst in Spanien erscheinen.</P><P>Javier Marías: "Dein Gesicht morgen. 1 Fieber und Lanze". <BR>Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 490 Seiten; 24,50 Euro. <BR></P><P> </P>

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