Das Geheimnis liegt in der Einfachheit

- Jetzt tritt er endgültig in die Klassizität: In Locarno gab es den Goldenen Leoparden fürs Lebenswerk, das Frankfurter Filmmuseum zeigt eine Retro, und Kulturstaatsministerin Weiss hängte ihm noch flugs den Orden "Pour le mé´rite" um den Hals. Meriten hat sich Wim Wenders viele erworben. Und obwohl er seit über 35 Jahren Filme macht, kann man es kaum glauben, dass er an diesem Sonntag 60 Jahre alt wird - so jugendlich, manchmal ein bisschen verlegen, jedenfalls irgendwie schlaksig wirkt er noch immer, wenn er auf irgendeiner Bühne steht.

Das ist keine Attitüde, genauso wenig wie die berüchtigten minutenlangen Schweigepausen, die er in Interviews einlegt. Keine Missachtung liegt in ihnen, im Gegenteil: Wenders denkt immer genau nach, will dem Sinn einer Frage und der richtigen Antwort nachspüren. Noch immer wirkt er auch in seinen Filmen wie ein Suchender.

44 Filme hat er seit 1967 gedreht, viele Preise hat er gewonnen. Die wichtigsten waren die Goldene Palme 1984 in Cannes für "Paris, Texas", und der Goldene Löwe von Venedig 1982 für "Der Stand der Dinge". Die frühen Achtziger waren Wenders' größte Zeit. Nach "Der Himmel über Berlin" (1987), der auch schon seine Fans spaltete, wollte sich der magische Wenders-Effekt dann nur noch in wenigen Fällen einstellen. Ein Grund mehr, daran zu erinnern, wie großartig Wenders' Kino zuvor gewesen ist, was der deutsche Film Wenders verdankt. In den Siebzigern waren seine Filme Initiationserlebnisse einer ganzen Generation, zumindest desjenigen Teils, dem Fassbinder zu urban und Kluge zu intellektuell war. Wenders' Geheimnis lag in der Einfachheit. Ihm ging es um ganz klare, knappe Geschichten, um Bilder, die etwas entdecken und festhalten, bevor es verschwindet, um die Poesie des Alltags. Wenders ist präzis, skeptisch gegenüber großen Worten, und doch sehnsüchtig nach ihnen.

Genau das, Distanz im Liebesverhältnis, kennzeichnet auch sein ambivalentes Verhältnis zu Amerika. Denn wie kein zweiter deutscher Regisseur hat Wenders sich die Bildsprache des klassischen Hollywood einverleibt. Es ist ein romantischer - insofern "typisch-deutscher" - Gestus, mit dem er den verlorenen Bildern von Ford, Hawks und anderen nachspürt, Sehnsuchtsbilder auf die Leinwand bannt. Unvergesslich wurde schon 1973 "Alice in den Städten", auch "Der Lauf der Zeit" und "Der amerikanische Freund", schließlich die Noir-Hommage "Hammet".

Und von all dem kann man nicht reden, ohne die Musik zu erwähnen. Wenders hat auch noch ein Auge für Töne. Er hat noch mehr Talente. Er wäre zweifellos in guter Fotograf geworden und bestimmt ein wunderbarer Filmautor.

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