Geheimnis der Zerstörungssucht

- Kartierungsexperte, Karriere bei der schwedischen Marine: "War er sonst noch etwas? Eine Person, die unentwegt Abstände und Tiefen vermaß, in der äußeren Wirklichkeit ebenso wie in dem Meer, das in seinem Innern noch nicht kartiert war." Mit Lars Tobiasson-Svartman verlässt Romancier Henning Mankell seine afrikanische Wahlheimat und kehrt durch die "Tiefe" zurück nach Schweden. Aber ohne einen seiner Wallander-Krimis zu schreiben.

1937 kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wird in einer Heilanstalt eine Geisteskranke vermisst, die seit langem hier lebt. Die verstörte Seele hat sich in Tiefen geflüchtet, die Ingenieur Svartman nie ausloten könnte. Hineingestoßen hat er sie aber - seine Frau. 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, beginnt die Geschichte einer unerbittlichen Vernichtung. Mankell "dokumentiert" sie präzise - schließlich lässt er den Gedankenfluss Lars Tobiasson-Svartmans miterleben -, das Geheimnis der Schicksal- und Schuldhaftigkeit bleibt dennoch. So wenig wir diese persönliche Zerstörungssucht wirklich begreifen, begreifen wir die historische der Völker.

Der Autor setzt die individuelle Tragödie in ein Land, das neutral bleibt, das allerdings vom Krieg umgeben ist. Man belauert deutsche und russische Schiffe und wird belauert; Leuchttürme werden gelöscht; und der Vermesser beauftragt, noch unbekannte Schiffswege durch die Untiefen der Schären zu finden. Die einheimische Flotte wäre dann flexibler als die feindlichen Verbände.

Der Mann, der unheimlich perfekt Abstände einschätzen kann - der aber nie Nähe zulässt -, ist für diese Aufgabe geboren. Wenn er sich beruhigen will, schläft er mit seinem Senklot wie ein Kind mit einem Kuscheltier. Seine Besonderheit, seine spezielle Sensibilität machen ihn sympathisch, auch dass er als Bub furchtbar unter dem Vater litt. Deswegen schob er den Mutternamen zwischen "sich" und "Svartman". Nach und nach loten aber auch wir seine extremen Tiefen aus. Finden Jähzorn, Verschlagenheit, Lügenstrategien, Misstrauen, Ausspionieren anderer Menschen.

Der Mann, der messen, aber nicht mit seinen Gefühlen umgehen kann, verfängt sich in dieser Unfähigkeit wie jener Fischer in seinem Netz. Er war Sara Fredrikas Mann; von ihm taucht irgendwann nur noch ein Fußknochen auf. Diese Frau, die allein das harte Leben auf einer Schäre meistert, zieht Lars in ihren Bann. Er kann weder diese Beziehung noch ihre gewaltige Lebenskraft ausmessen. Und stürzt schließlich in seinen eigenen Abgrund, nachdem er Verbrechen begangen hat - mit nüchternem Irrwitz.

Mankell entwirft ein vielschichtiges Menschen- und Schwedenbild. Gewaltige Natur, Dörflichkeit und moderne Stadt. Technischer Fortschritt und archaisches (Über-)Leben wie vor hunderten von Jahren. Für uns südliche Landratten ist das zusammen mit den Schilderungen des Daseins auf den Kriegsschiffen exotischer als Afrika. Was aber herausragend ist: Der Schriftsteller hat es geschafft zu zeigen, dass die viel gepriesene Rationalität nichts mit Vernunft und Moral zu tun hat. Sie ist eine Maske, die selbst glaubt, dass die Gefühle, die sie verhüllt, nicht existieren. Deswegen ist sie zutiefst irrational. Lars Tobiasson-Svartman ist, was man rational nennt, und mordet. Die Kriegsstaaten sind rational und morden gleichfalls.

Henning Mankell: "Tiefe". Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 366 Seiten; 21,50 Euro.

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