Der Geheimnisvolle

- "Cy Twombly - 50 Jahre Arbeiten auf Papier": Da ist ein Fixstern der Kunst unserer Zeit zu besichtigen. Nicht einer jener in der Szene grell aufleuchtenden Kometen, die einen Schweif von Kommentatoren, Käufern und Kuratoren hinter sich herziehen, sondern einer, der auf Dauer glänzt, dessen Werk Bestand haben wird. Zu seinem 75. Geburtstag hat der Amerikaner in Rom sein Atelier im Palazzo geöffnet, um eine große Retrospektive zu ermöglichen. Julie Sylvester hat die absolut hochkarätige Schau zunächst für die Petersburger Eremitage entwickelt; jetzt ist sie in den Grafik-Räumen der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen, die einzige Station in Deutschland übrigens.

<P>Anschließend machen die Malereien, Zeichnungen, Monotypien und Collagen im Pariser Centre Pompidou und in der Serpentine Gallery, London, Station. Diese exzeptionelle Ausstellung ist ein Ritterschlag für die dritte Pinakothek, denn solch eine international herausragende Grafik-Exposition wäre früher mangels passender Räumlichkeiten an München vorbeigegangen.</P><P>Nun hat die Grafik-Abteilung noch den weiten Nachbarsaal dazugenommen und mit den großen, farbsprühenden Formaten von Cy Twombly bestückt. Die beiden kleinen Räume präsentieren die frühen Arbeiten und die wunderschönen Collagen. Im Zugangsbereich wird der Betrachter sogleich auf die Schaffens-Spannbreite des Künstlers eingestimmt. 1953 setzt er mit Graphit geheime Zeichen auf Packpapier; dagegen 1990: eine rote, aus sich heraus flatternde Blüte, in deren Stiel schon das Rot unterm Grün glüht. Das Geheimnisvolle hat Cy Twombly beibehalten. Auch in der Farbe hat er es entdeckt.</P><P>Zunächst ging der Künstler sehr spartanisch mit Farbe um. Er folgte erst der Linie von Bleistift, Graphit oder Wachskreide, suchte im Schreib-Schwung der Hand das scheinbar Bekannte der Schrift, versteckte sie aber zugleich hinterm Unlesbaren. Bis heute tratzt Twombly den Betrachter mit gut Entzifferbarem, das er per "Sauklaue" nach und nach ins Unleserliche treibt. In dieses Spiel von Wiedererkennen und Fremdwerden zieht er auch Mythen und Maler. Der Große Moderne Malewitsch erscheint als sensible Collage, der Titel ist Hommage, aber sonst erinnert nichts an dessen Kunst. Venus ist ein Schriftzug, mehr nicht, gefolgt von den Beinamen der Göttin in griechischen Buchstaben. Kultur wird nicht mehr verbildlicht, sondern mit Begriffen zitiert. Wer damit nichts anfangen kann, bleibt im Dunkeln: Das Bild gibt keine Hilfe mehr; jeder muss sich seinen eigenen Mythos erarbeiten.</P><P>Ab den 80er-Jahren folgte Cy Twombly auch der Farbe: ließ sie strahlen, sich innig ins Papier saugen, ließ sie frech patzen oder tränig über die Fläche rinnen, ließ sie zart flocken, wasser-süffig Aquarell spielen oder trocken-sperrig krakeln. Auch hier </P><P>Spannendes Rätsel</P><P>das Geheimnis, das sich enthüllt und entzieht, weil der Künstler schichtet und übermalt. Bei allem aber ist er ein Virtuose der Fläche - Luftigkeit und Verdichtung. Lässiges Streuen von Kleinteiligem, Belanglosem auf weitem Raum wird zu einem spannenden Rätsel, das nie aufgelöst werden kann. Es dient allein dem Bild und dem, was bildende Kunst alles sein kann. Nur wer sehen will, wer sich im Goethe'schen Sinne dem Schauen anvertraut (ohne vorgefertigte visuelle Raster im Kopf), wird Cy Twomblys Geheimnis teilen können - und wird nie daran denken, dass man es lüften sollte.</P><P>Bis 30. November, Tel. 089/ 23 80 53 60; Katalog, Verlag Schirmer/Mosel: 29 Euro.</P>

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