Die Geheimnisvollen

- "Interpretationsballast" will die Neue Pinakothek abwerfen. Das Münchner Haus hat sich aber nicht mit Londons Courtauld Institute of Art Gallery zusammengetan, um mit dem kunsthistorischen Fesselballon in noch entferntere Gefilde aufzusteigen; man möchte lediglich eine bessere Sicht auf zwei Gemälde bekommen, die seit langem von hochmögenden Deutungen eingenebelt wurden.

<P>Es geht um zentrale Werke Edouard Manets: um "Le déjeuner" - aber nicht das "im Grünen" mit den nackten Frauen - und um "Un bar aux Folies-Bergère". Da diese Bilder sich in Komposition und Wesen ähneln, obwohl ersteres 1868 und zweiteres 1881/82 entstanden ist, suchten die Museen nicht jedes für sich alleine den "intensiven Blick in die Tiefe", wie Joachim Kaak, Chef der Neuen Pinakothek, sagt. Man konzipierte stattdessen: "Manet Manet - Zwei Bilder, ein Raum".</P><P>Herausgekommen ist eine wunderbare Studioausstellung, die sich völlig der phänomenalen Faszination dieser Gemälde hingibt und die Muße des Schauen-dürfens ihren Besuchern ermöglicht. Zugleich werden wohldosiert buchstäblich hintergründige Informationen geboten: mit Röntgenaufnahmen, die verdeutlichen, wie Manet seine optische Aussage zuspitzte. In München ist außerdem noch eine Ölskizze des "Bar"-Bildes präsent. Sie illustriert am besten Edouard Manets Strategie, dem Alltag Aura zu verleihen.</P><P>Ein zweites Frühstück hier, eine Bar im Varieté dort. Bürgerliches Vergnügen im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts. Sattes Wohlleben in angenehmer Umgebung. Und doch dieser Hauch Melancholie bei dem jungen Burschen mit seinem raffiniert gemalten schwarzen Samtsakko und der hübschen Bedienung mit Wespentaille. Beide werden nahe an den Betrachter gerückt, schieben sich quasi aus der Malfläche heraus - und bleiben doch ganz für sich. Gern wurde das als Entfremdung in der modernen Gesellschaft interpretiert; die Ausstellungsmacher widerlegen die These mit Hinweis auf den damals gängigen Effekt der "versteinerten" Pose. Auch den traditionellen Titel "Frühstück im Atelier" korrigiert man, denn dieser Imbiss erinnert an ein Restaurant in Boulogne-sur-Mer. Wer genau hinschaut, erkennt hinter dem Fensterglas Schiffe. </P><P>Alles also ganz banal? Eigentlich schon, auch wenn Manet beim "déjeuner" mit einem gekonnten Waffenstillleben links und einem "niederländischen" Essensstillleben rechts zeigt, was er als Maler draufhat. Karriere wollte er machen, öffentliche Anerkennung einheimsen, aber eben auch ein wahrhaft einmaliges Ouvre schaffen. So bedient der Virtuose sein Salon-Publikum mit feinster Stofflichkeit vom geflochtenen Stroh des Sommerhutes über die zarte Dekolleté-Spitze bis zum Blitzen der Weinflaschen. Oder mit der Doppelbödigkeit einer nur im Spiegel existierenden Amüsier-Gesellschaft - einzig das arbeitende Mädchen ist "echt". Aber ist es das? <BR>Unspektakulär sind Manets Szenen. Keine Helden, Heroinen, Dramen. Und doch besitzen diese Bilder ein Geheimnis, das man sofort spürt, das einen fesselt - das sie nie preisgeben werden.</P><P>Von morgen bis 10.4., Katalog, 19,90 Euro; "Frühstück bei Manet" zu buchen unter 089/ 52 36 990; Lesungen aus Zolas "Germinal" Do./Fr., 19 Uhr; Tel. 089/ 23 80 51 95.<BR></P>

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