Gehobene Aufgaben in der Komparserie

- " ,Verhoeven . . . Verhoeven . . . das ist doch holländisch. Bekommen Sie denn auch Briefe aus Holland? - ,Jaja, hab ich gesagt, nicht oft, aber doch! Der Inspizient war leidenschaftlicher Briefmarkensammler. Es war ganz klar, ich musste in ein Briefmarkengeschäft und ein paar holländische Briefmarken kaufen. Die hab ich ihm dann überreicht."So kam es, dass Paul Verhoeven und sein Freund Willi Werkmeister bei der Komparserie des Schauspielhauses in München, den heutigen Kammerspielen, "sagen wir, ,gehobene Aufgaben bekamen".

Das war Anfang der Zwanzigerjahre. Und während der Freund bei einer katholischen Laiengruppe unterkam, wurde der in Unna geborene Paul von der damaligen Intendantin und bedeutenden Schauspielerin Hermine Körner engagiert.

Wunderbar sind diese Erinnerungen des Schauspielers Paul Verhoeven, die er nie geschrieben hat, die aber jetzt doch nachzulesen sind. Unvollkommen natürlich. Enthalten sind sie in dem Buch "Paul, ich und wir - Die Zeit und die Verhoevens". Verfasser ist Sohn Michael Verhoeven. Im Nachlass des Vaters existiert ein Tonband, auf das er bruchstückweise seine Lebenserinnerungen gesprochen hat. In der Familienbiografie sind sie als Kursivtext zwischen die Erinnerungen Michael Verhoevens eingeblockt.

Für alle, die es nicht wissen: Die Verhoevens sind eine große Künstlerfamilie. Paul, der "Stammvater", der Mann mit den großen leuchtenden Augen - nach wie vor eine Theater- und Filmlegende. In seinem Schatten Ehefrau Doris, ebenfalls Schauspielerin. Dann die Kinder, von denen es Lis Verhoeven zur Bühne drängte. Michael dagegen, der zwar schon als Junge Theater spielte, war bemüht, sich durch ein Medizinstudium abzusetzen von den elterlichen Vorgaben. Was, wie bekannt, auf Dauer nicht gelang. Zu dem Clan aber zählen auch Senta Berger, Mario Adorf, Stella Maria Adorf, Simon und Luca Verhoeven und und und. Von allen erzählt Michael Verhoeven, und es entsteht das sehr sympathische Bild einer offenen, nie dem Größenwahn anheim gefallenen Familie.

Es macht Spaß, in diesem Buch zu lesen. Und es überrascht, dass Michael Verhoeven, der erfolgreiche Filmregisseur, bis heute vom Theater nicht lassen kann. Nicht nur, weil es Teil seiner Kindheit war. Sondern weil sich über das Theater sein Verhältnis und seine Liebe zum berühmten Vater manifestiert. So sind diese unsentimental verfassten Erinnerungen auch die anrührende Verbeugung des Sohnes vor dem großen Künstlervater Paul, der am 22. März 1975 auf der Bühne der Münchner Kammerspiele starb - während er seine Trauerrede auf den Tod Therese Giehses hielt.

Über die Hommage an den Vater und die Familiendynastie hinaus sind Michael Verhoevens Erinnerungen auch ein gelungenes Zeitbild der jungen Bundesrepublik.

Michael Verhoeven: "Paul, ich und wir. Die Zeit und die Verhoevens". Ullstein Verlag, Berlin, 311 Seiten; 22 Euro.

Am kommenden Montag, 7. 11., 20 Uhr, stellt der Autor sein Buch im Münchner Literaturhaus vor; Karten: 089/ 29 19 34 27.

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