"Er gehört uns nicht"

- Bundespräsident Horst Köhler hat in Lübeck mit Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den vor 50 Jahren gestorbenen Schriftsteller Thomas Mann geehrt. Bei einem Festakt in der Heimatstadt des Literaturnobelpreisträgers sagte Köhler, Deutschland sei "nicht gut umgegangen mit einem seiner größten Söhne". Dabei könne heute keiner mehr so umfassend von sich sagen: "Ich trage die deutsche Kultur in mir."

Köhler betonte: "Von deutscher Kultur zu sprechen, ist weder provinziell noch nationalistisch." Kultur gehöre auch zur Identitätsfindung. "Wer wir sind, wissen wir nur, wenn wir wissen, woher wir kommen." Der Bundespräsident verwies darauf, dass er "lange genug im Ausland gelebt habe, um zu wissen, wie reich andere Kulturen sind - nicht nur Europas, sondern zum Beispiel auch Afrikas".

Mit dem Festakt in der Marienkirche, wo Mann getauft und konfirmiert worden war, beendete die Hansestadt ihre Thomas-Mann-Festwoche. Köhler betonte in seiner Ansprache Manns "Selbstbewusstsein, die deutsche Kultur zu repräsentieren". So habe er 1949 bei seinem ersten Besuch nach dem Krieg ausdrücklich "Deutschland als Ganzes" besucht und sei nicht nur in Frankfurt am Main, sondern auch in Weimar gewesen. Dass Thomas Mann aus dem Exil "nicht nach Deutschland zurückgekehrt" sei, sondern in der Schweiz begraben werden wollte, sei "vielleicht gut so, denn er gehört uns nicht", erklärte der Bundespräsident. "Sein Werk ist Weltliteratur in jedem Sinne, auch im Sinn universaler Humanität."

Reich-Ranicki sagte, kein deutscher Schriftsteller habe bei seinen Landsleuten ein vergleichbares Echo gefunden, wenngleich Mann lange Zeit ein "beliebtes Feindbild der Kritiker und der folgenden Schriftstellergeneration" gewesen sei. "Thomas Mann war ein Meister der Selbststilisierung und Selbstinszenierung", meinte Reich-Ranicki. Unter anderem aus diesem Grund habe Mann es geschafft, schon in den 20er-Jahren ein "König im Reich der Literatur" zu werden. "Die Eifersucht, dass jemand größer werden könnte als Mann, machte ihn zu einer unleidlichen Person."

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