Es geht um Erfüllung

- "Es macht mir alles so großen Spaß." Wer in diesen Tagen Konstanze Vernon in den Räumen der Ballett-Akademie und Heinz-Bosl-Stiftung in München-Schwabing besucht - natürlich nur am frühen Morgen, weil jeder Tag arbeitsmäßig straff durchorganisiert ist -, der begegnet einer vitalen, lustvollen, vor Arbeitsvergnügen und Zukunftsplanung geradezu elektrisierten Frau. Aufhören mit 65? Die Frage stellt sich für die einstige Primaballerina der Bayerischen Staatsoper und Direktorin des Bayerischen Staatsballetts gar nicht. Laut Geburtsurkunde erreicht Konstanze Vernon zwar heute, am 2. Januar, diese magische Zahl, doch sie sagt: "Meine Messlatte ist: So lange ich mich noch verlieben kann - und ich bin total verliebt, denn es sind wieder ein paar hochbegabte Tänzerinnen und Tänzer dabei -, so lange arbeite ich. Hoffentlich lässt man mich."

<P>Ob einem das Datum lieb ist oder nicht - Anlass zurückzublicken auf das Erreichte, ist es allemal. Ihr jüngster Erfolg besteht darin, dass es erstmals für die angehenden Tänzerinnen und Tänzer per Kultusministerium eine Sonderregelung gibt: Ab der neunten beziehungsweise zehnten Klasse dürfen sie nun das Abendgymnasium besuchen. Vernon: "Das ist ganz toll. Denn diese jungen Leute sind alles andere als doof. Aber sie sind ein ganz besonderer Menschenschlag. Es geht ihnen nicht ums Geld, sondern darum, Erfüllung zu finden."</P><P>"Ein Menschenleben reicht nicht. Ich werde wie Heesters hundert."<BR>Konstanze Vernon</P><P>Dass die Bosl-Studenten also während ihrer Ausbildung auch das Abitur machen können, wird, so hofft die Ballett-Professorin, den Beruf wieder attraktiver machen, insbesondere für Jungen, denn es fehlt vor allem an männlichem Nachwuchs: "In Deutschland haben wir nach wie vor keine Ballett-Tradition. Wir haben ja auch erst vor 50 Jahren damit begonnen. In den Köpfen der Eltern existieren immer noch so Ideen wie: Tänzer sind alle schwul, und verdienen tun sie auch nichts. Dass es so nicht ist, dass sie eine stabile Gage bekommen und dass sie nach Beendigung der Tänzer-Laufbahn auch im Theater unterkommen, hat sich, scheint's, bis heute nicht 'rumgesprochen."<BR>Waren Vernons Bemühungen also bislang umsonst? "Nein, ein bisschen was habe ich ja geschafft. Doch ein Menschenleben reicht nicht. Ich werde wie Heesters hundert." Und ein bisschen wehmütig, aber das mit viel Temperament, wird sie dann doch: "Ich hasse die Zahl 65. Das erste Mal bekomme ich zu spüren, dass ich nicht mehr die Jüngste bin, was ich früher immer und überall war. Nun darf ich nicht mehr Prorektor sein in der Hochschule. Und ich muss die Verlängerung meiner Professur beantragen. Das stört mich alles wahnsinnig. Ich habe noch so viel zu tun."</P><P>Aber das hatte Konstanze Vernon immer. "Am Anfang", erinnert sie sich ein halbes Jahrhundert zurück, "wollte ich nur tanzen. Doch ich bin ein harter Arbeiter, Steinböcke sind das." Begonnen hat die hübsche Berlinerin mit 14: erstes Engagement an der Deutschen Oper Berlin. Keine Gruppe. Da wäre sie nie drin geblieben. Vernon: "Lasst mich in der Mitte sein! Je mehr Scheinwerfer, umso besser." An einer Solistenkarriere gab es nie irgendeinen Zweifel. 1963 dann der Sprung von Berlin nach München _ in die erste Position. Über Bayern sollte von nun an hell der Stern aus Preußen strahlen.</P><P>"Und in der Nacht immer Cha-Cha-Cha."<BR>Konstanze Vernon</P><P>So einfach indes hatte es die junge Konstanze hier zunächst nicht: "Ich war in Berlin stets munter, vier Stunden Schlaf - mehr brauchte ich nicht. Am Tag hart trainiert, abends Vorstellung und in der Nacht immer Cha-Cha-Cha. Ich war wie aus Draht. Und plötzlich München mit seinem Föhn. Ständig müde. Ich wusste nicht, was mit mir war. Außerdem fühlte ich mich einsam. Ich war ja so eine hundertprozentige Preußin, und in München gab es noch richtige Bayern. Man hat mich mitunter nicht einmal gegrüßt. Es kamen die ersten schlechten Kritiken, alles war schrecklich, am liebsten wäre ich gleich wieder abgereist. Da stellte mir ein Freund einen Public-Relations-Manager vor, der mich in die Gesellschaft einführen sollte. Ich dürfe mich nur nicht in ihn verlieben, denn der habe es so mit Frauen . . . Na klar, ich habe mich sofort verliebt. Ja, und das war mein großes Glück", so die Vernon. Ohne Fred Hoffmann, ihren Mann, "hätte ich das alles nicht geschafft. Eine unglaublich glückliche Partnerschaft."</P><P>Ob sie nicht manchmal Angst verspürt vor so viel Glück und Gelingen? "Doch. Gedanklich gehe ich täglich in die Kirche und zünde eine Kerze an. Die zweite Reaktion darauf ist: noch mehr arbeiten an sich selbst. Je mehr du weißt und kannst, je mehr hast du das Gefühl, du musst noch etwas lernen."</P><P>Und gelernt hat sie ihr Leben lang. Wenn sie auch von sich als Tänzerin sagt: "Ich war so eine Instinktive, habe eigentlich gar nichts bewusst gemacht, sondern mehr aus dem Bauch heraus. Ob klassisch oder modern - es ist letztlich alles  das  Gleiche.</P><P>"Mein nächstes Ziel: die Meisterklasse-Diplome und eine Junior-Compagnie."<BR>Konstanze Vernon</P><P>Alle sind Tänzer, alle wollen faszinieren. Ob in den Boden oder weg vom Boden. Man kann alles lernen. Nur nicht das Charisma. Das hat man - oder man hat's eben nicht."<BR>Natürlich, die Vernon hat's. Und wer sie jemals als Giselle oder Tatjana in "Eugen Onegin" auf der Bühne erlebt hat, schwärmt noch davon. Vernon: "Ich denke, das waren die mir liebsten Rollen; denn beide boten mir darstellerisch einen ganzen, großen Bogen. Das Spielen ist meine Leidenschaft."</P><P>Da kommt die Frage nach dem aktuellen Tanztheater gerade recht. "Ich kann's nicht mehr sehen, es langweilt mich zu Tode", ist ihre strenge Antwort. "Ich liebe Pina Bausch, die hat's erfunden; aber die 100 Nachahmer finde ich völlig uninteressant." Der vielfachen Behauptung, dass klassische Handlungsballette nicht mehr möglich seien, widerspricht Konstanze Vernon heftig: "Quatsch. Natürlich sind sie möglich. Aber es ist sehr schwierig, welche zu entwickeln."</P><P>Dazu nun will die passionierte Pädagogin und liebende Animateurin ihren Teil beitragen. Ihr nächstes Ziel? "Das sind die Meisterklasse-Diplome. Das würde sich so auswirken, dass wir eine Junior-Compagnie hätten; dass die Tänzerinnen und Tänzer nach ihrem Studium noch ein Jahr dranhängen. Eine Compagnie, die für sich selbst steht, die Aufführungen bestreitet im Prinzregententheater und quer durch Bayern tourt. Rein in den Bus und ab durch die Mitte. Ganz ohne Luxus. Für alles muss selbst gesorgt, die Garderobe selbst gewaschen werden." Ein realistischer Plan? Und was würde das Ganze kosten? Vernon: "Die Gespräche dazu laufen. Wir bräuchten eine halbe Million Euro pro Jahr. Die Grundausstattung ist ja vorhanden. Aber ich weiß, das ist jetzt eine komplizierte Zeit."</P><P>Das Bayerische Staatsballett gibt seiner einstigen Ersten Solistin und Ballett-Chefin Konstanze Vernon zu Ehren heute im Münchner Nationaltheater Tschaikowskys "Nussknacker".</P>

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