Geierwally im TamS verloren gegangen

- "Das schönste und stärkste Madl in ganz Tirol" soll sie gewesen sein. Dass eine Frau für ihre Schönheit gerühmt wird, kommt häufiger vor. Stärke aber spricht man ihr meistens ab. Bei der Geierwally kam man jedoch nicht umhin: Sie konnte abgeseilt an einer Steilwand im Hochgebirge Adlernester ausheben. Das allein musste im 19. Jahrhundert suspekt wirken, und so erwarb sich die ungewöhnliche Frau den Ruf, "spröd' wia a Katz'" zu sein.

<P>Spröd' geriet im Ganzen auch Cornelie Müllers Geierwally-Abend im Münchner TamS. Leider hat er damit nicht den Charakter dieser Wally erhellt oder gar das Spannungsverhältnis zwischen realer und fiktiver Figur: In "Knittel: ein Paartanz" nämlich tritt Wilhelmine von Hillerns Romanheldin zusammen mit der Malerin Anna Knittel auf, die für die Romanfigur Pate gestanden hat, jedenfalls was das Ausheben von Adlernestern angeht. Die eine soll der anderen im TamS als Spiegel dienen, aber der ist blind. <BR><BR>Regisseurin Cornelie Müller bricht das ungleiche Paar in sechs Darsteller: Barbara Ebel, Stephanie Groß, Ute Hagelstein, Katja Lechthaler, Juliane Kosarev, die 1997 den Merkur-Förderpreis erhielt, sowie der Bratschist Thomas Beimel lassen die schönsten Zwitscherlautkonzerte erklingen. Doch überlagern sich dabei ihre rudimentären Textpassagen so sehr, dass die Gipfel und Täler dieser von Müller beabsichtigten Klanglandschaft bis zur Unverständlichkeit eingeebnet werden.</P><P> Zu sehen bleibt wenigstens, wie die in Leinen und Leder, Filz und Tüll gehüllten Trachtler mit ihren Verrenkungs-Tänzen in Spitzweg'scher Atmosphäre das "Glück im Winkel" zu einem verwinkelten, zweifelhaften Glück umbiegen. Doch der Platz vor dieser Bergkulisse, die sich auf der weiß verhangenen Bühne erhebt, bleibt leer: Irgendwo in dieser Klanglandschaft ist die Geierwally verloren gegangen. </P><P>Bis 22. 3. Tel. 089/ 34 58 90.</P>

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