Geiger ist nach wie vor der Chef

München - Die große Ausstellung zu Rupprecht Geigers 100. Geburtstag geht am 30. März zu Ende. Wie sieht die Bilanz eines solchen Jubiläums-Unternehmens aus? Lenbachhaus-Chef Helmut Friedel und Julia Geiger, Leiterin des Geiger-Archivs und Enkelin des Künstlers, geben Auskunft - auch über neue Pläne.

"Warum sind die Bilder nicht signiert", sei die häufigste Frage bei den Führungen, erzählt Helmut Friedel (die Unterschrift ist auf der Rückseite). Der Chef der Städtischen Galerie, der die Retrospektive zum Werk von Rupprecht Geiger kuratiert hat, ist sich durchaus nicht zu schade, selbst Führungen abzuhalten. Genauso wenig wie Julia Geiger: "Ich bin erstaunt, wie positiv die Besucher auf Rupprechts Gemälde reagieren. Es gibt regelrechte Begeisterungsausbrüche", freut sie sich. "Manche bekennen sogar, dass sie jede Woche durch die Ausstellung gehen." Auch dass man beobachten könne, wie anfangs skeptische Menschen am Ende der Führung hingerissen seien, macht die Kunsthistorikerin stolz. Und als Kennerin und Enkelin ist sie froh, dass "so viele Münchner kommen und damit den Künstler ehren".

Diese Tatsache sei auch für ihren Großvater sehr wichtig. Das unterstreicht Friedel, denn Geiger sei in München lange die offizielle Anerkennung verweigert worden. "Und nun beflügelt ihn diese Ausstellung", ergänzt Julia Geiger. Solche Geschichten und natürlich auch die Tatsache, dass jemand mit 100 Jahren noch täglich ins Atelier geht und arbeitet, "fasziniert die Leute", bestätigen beide. Für die Vermittlung von Kunst sei es entscheidend, an derartig menschliche Anekdoten anzuknüpfen. Aber auch das Handwerkliche interessiere die Besucher, so Julia Geiger. Wie hat der diese Farbeeffekte erzielt? Denn die vitale Kraft der Farbe ist Rupprecht Geigers Thema seit fast 70 Jahren. "Und doch vermag er, immer mit einem anderen Duktus zu malen."

Beim Emotionalen einsteigen und das "in Balance zu halten mit Geigers Rationalität, der im Sinne eines Architekten eine klare Bauweise entwickelt hat", sei das Ziel seiner Führungen, so Friedel. Jene lange Schaffenszeit sei ein weiteres Faszinosum, erklärt er. "Ich versuche, den Menschen klar zu machen, was es bedeutet, über Jahrzehnte konsequent eine selbstgestellte Aufgabe zu bewältigen." Was würde unsereins beginnen, wenn eben keine Forderung von außen an uns herangetragen würde? Wenn man ganz frei entscheiden müsste? "So kann ich die Besucher auch zur Nachdenklichkeit bringen", betont Friedel. Die Zeit spielt ohnehin eine große Rolle, zumal für die Bilder Konzentration erforderlich ist: "Ich gebe die 20-minütige Einführung vor der Installation ,Neues Rot für Gorbatschow, um allen die Zeit zu lassen, ein Werk lange anschauen zu können." Dass die Sehgewohnheiten vom Fernsehkonsum korrumpiert seien, "konnte ich nicht beobachten". Aber die Aufmerksamkeit halte nur eineinviertel Stunden, höchstens eineinhalb.

Julia Geiger und Helmut Friedel sind sich bei ihrer Bilanz der Retrospektive einig: Sie ist ungewöhnlich erfolgreich. Zuletzt werden wohl 70 000 Menschen die Schau gesehen haben. Das ist für die Ausstellung eines lebenden Künstlers enorm viel. "Oft ist es sehr voll, aber wir haben es bisher ohne größere Schäden überstanden", berichtet Friedel, "bis auf einen Kinderhandabdruck. Manche Menschen haben doch eigenartige Erziehungsvorstellungen..."

"Ein seltenes Glück" sei es außerdem, dass man noch zu Lebzeiten des großen Münchners ein Œuvre-Fazit mit Präsentation und Werkverzeichnis ziehen konnte. Julia Geiger freut sich insbesondere für das von ihr konzipierte und geleitete Geiger-Archiv, das später auch das Schaffen von Rupprechts Vater Willi Geiger betreuen soll. "Durch die Retrospektive sind viele Arbeiten restauriert und Drucke gerahmt worden. Man achtet jetzt mehr auf sichere Aufbewahrung. Das ist ein Grundstock für spätere Ausstellungen." Die bereitet sie bereits vor. Im Juni werden in Siegen und im Juli in Berlins Neuer Nationalgalerie Geiger-Expositionen eröffnet. Ihre Zusammenarbeit mit dem Opa läuft im Übrigen professionell. "Für mich als Kunsthistorikerin ist es eine Chance, und für ihn ist es gut, dass ich mich um alles kümmere. So wird er in seiner Kreativität nicht gestört. Die Verwandtschaft hat viele Vorteile, denn es gibt auf beiden Seiten keine Hemmungen. Aber er ist mein Chef. Er weiß genau, was er möchte."

Und Julia Geiger weiß auch, ganz Enkelin von Rupprecht, was sie will. Nach dem Berliner Projekt geht's ans Archivieren der Zeichnungen; natürlich stehen weiterhin Kataloge und Ausstellungen an - und ein großes Ziel: Das Archiv, sprich das Atelier in Solln, soll einmal öffentlich gemacht und zu einer Forschungsstätte werden. "Auf diese Perspektive muss ich hinarbeiten."

Lenbachhaus-Chef Friedel arbeitet hochtourig auf eine ganz andere Perspektive hin. Ende Oktober wird in Zusammenarbeit mit Paris und New York die internationale Kandinsky-Ausstellung eröffnet: mit seinen wichtigsten und größten Gemälden sowie der gesamten Druckgrafik. Gerade war Friedel noch in Moskau, um sich wichtige Leihgaben zu sichern, nun gilt es, günstige Versicherungen auszuhandeln. Denn für jedes Museum geht es "um mehrere 100 Millionen Euro, und wir wollen die Kosten im Griff behalten".

Daneben werden "PR-Überlegungen" zusammen mit Sponsor e.on angestellt und bereits "das Führungs-System" geplant. "Es wird von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr nachts Führungen geben. Die aber dürfen nicht alles verstopfen und einander überbrüllen, darüber hinaus sollen sie die Individualbesucher nicht stören." Katalog, Beschriftung, verbesserter Kartenverkauf, Kinder-Malstudio, neue Hängung in der Blauen-Reiter-Abteilung (weil einige Kandinskys "wandern") - und dann noch der Teilumzug, weil die alte Villa saniert und erweitert wird. Das Lenbachhaus ist wahrlich im Umbruch, aber in einem wunderbaren.

Ausstellung

bis 30. März, Di.-So. 10-18 Uhr; Karfreitag sowie an allen Ostertagen inklusive Ostermontag ist geöffnet;

Tel. 089/ 23 33 20 00.

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