Geißlers Erdbeben

- Zunächst gab es die Rezitation des Christus-Wortes plus Predigt auf der Kanzel. Dann stieg der Bischof herab, warf sich vor dem Altar nieder, um meditierend eines der Adagios zu hören: So ungefähr verlief Ende des 18. Jahrhunderts die Karfreitags-Liturgie in Cadiz, für die Joseph Haydn seine "Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuz" komponierte.

München stand am Karsamstag kein inbrünstiger Gottesmann zur Verfügung, München hatte Heiner Geißler. Unzweifelhaft auch ein Gottesmann (als CDU-Promi), aber eher vom Typ Johannes der Täufer: streitbar und provokativ, dabei Sätze formulierend, die gewiss einige Besucher der Allerheiligenhofkirche aus der vorösterlichen Milde rissen. Geißler stützte sich auf sein Buch "Was würde Jesu heute sagen". Und nutzte die Haydn-"Pausen" für eine antikapitalistische Philippika: von der heftig verteidigten Sozialbindung des Eigentums über den Antisemitismus als "Geisteskrankheit der Europäer" und Seitenhieben auf die eigene Fraktion bis zur Klage, dass heute doch nur Erfolg, Titel und Reichtum als Maßstäbe gelten würden, anders, als es seinerzeit Jesus propagiert hatte. Und spätestens hier schwante einem: Ist der Mann in der falschen Partei? Oder, viel schlimmer: Sollte die mittlerweile auf die falschen Funktionäre vertrauen?<BR><BR>Zur kantigen Rhetorik mochte die Musik kaum passen. Das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks unter Konzertmeister Radoslaw Szulc fasste Haydns Opus nicht an, sondern beließ es beim vorsichtigen Streicheln. Wattierte Schönklänge rückten die Nummern ins Lamentohafte. Zwar durfte das Melos der Adagios zart erblühen, aber vor allem die Introduktion hätte ein wenig mehr Profil gut vertragen. Gespielt wurde die Quartett-Fassung, die durch die Mehrfachbesetzung aufgedickt wurde. Weiteres Problem: Mit der Zeit schlichen sich Intonationstrübungen ein, doch mag das an den heißen TV-Lampen gelegen haben. Immerhin, beim abschließenden "Erdbeben" war Geißlers Tonfall erreicht.<BR>

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